"Wir können keine weitere Verteuerung der Arbeit gebrauchen"

"Wir können keine weitere Verteuerung der Arbeit gebrauchen"

"Wir können keine weitere Verteuerung der Arbeit gebrauchen"

Gesamtmetall-Präsident Dr. Rainer Dulger im Interview mit dem Handelsblatt zum Thema Werkverträge, Zeitarbeit und TTIP:

Herr Dulger, der DGB und seine Mitgliedsgewerkschaften unterstützen den Aufruf zur Anti-TTIP-Demo auf. Sägen die Arbeitnehmer auf dem Ast, auf dem sie sitzen?

Die Fundamentalablehnung ist kurzsichtig. Besser wäre es zu sagen, ein Handelsabkommen ist für unsere Industrie gut und wichtig, aber wir haben noch erhebliche Differenzen im Detail. Das ist etwas anderes als zu sagen, wenn ihr bestimmte Sozialstandards nicht erfüllt, bekommt ihr unsere Unterstützung nicht.

Warum ist TTIP so wichtig?

Die bestehenden Handelshemmnisse kosten unsere Industrie jedes Jahr Milliarden. Um das amerikanische Pendant U.L. zu unserem CE-Zeichen zu bekommen, müssen wir in Amerika Ingenieure einstellen, um dort lokal die Zulassung zu erwirken. Oder nehmen Sie unsere Autobauer. Auch unsere kleinen Autos ließen sich in den USA gut verkaufen, weil die Amerikaner inzwischen auch solche Autos schätzen gelernt haben. Aber die Zulassung für den US-Markt kosten unsere Unternehmen Unsummen.

Warum gelingt es der Wirtschaft nicht, die Skepsis der Bevölkerung zu überwinden?

Das frage ich mich auch. Es ist schon so, dass die Gegner eine größere Öffentlichkeit haben als die Befürworter, man denke nur an das völlig absurde Beispiel der Chlorhühnchen. Aber ich wünsche mir, dass Wirtschaftsminister Gabriel und die gesamte Bundesregierung weiter fest zu TTIP stehen und das auch kommunizieren.

Die Gewerkschaften sind vor allem gegen TTIP, weil die USA nicht alle Kernarbeitsnormen der ILO ratifiziert haben. Eine davon ist die Vereinigungsfreiheit und das Recht auf Kollektivverhandlungen …

Hand aufs Herz. Die amerikanische Demokratie funktioniert und die Arbeitsschutzgesetze sind dort mindestens so streng wie bei uns. US-Gewerkschaften funktionieren anders, aber sie funktionieren. Die US-Arbeitswelt kennt keine Tarifautonomie und ein anderes Tarifrecht, und außerdem seit jeher Mindestlöhne und gesetzliche Vorschriften. Wir wollen den Amerikanern unser Tarifsystem in Europa immer als besser verkaufen, aber denken Sie mal daran, was französische Gewerkschaften mit Managern getan haben. Sie haben sie in den Betrieben eingesperrt. Und das wollen Sie den Amerikanern als Vorbild verkaufen? Da finden die ja vor Lachen nicht mehr in den Schlaf.

Konflikte mit den Gewerkschaften sind auch beim Thema Arbeitszeit programmiert. Wollen Sie den Acht-Stunden-Tag schleifen?

Nein, darum geht es doch gar nicht. Es geht um die Frage, ob das Arbeitszeitgesetz und unsere Manteltarifverträge noch zeitgemäß sind. In der Zeit von Tablet und Smartphone haben wir Regeln aus der Zeit von Telex und Wählscheibe. Wir wollen nicht die mit den Gewerkschaften vereinbarten Arbeitszeiten schleifen. Aber wir müssen flexibler werden.

Wie zum Beispiel?

Unser Mitarbeiter für das Asiengeschäft kommt vielleicht gerne etwas früher ins Büro, weil er seine Gesprächspartner nur bis ein Uhr mittags erreicht. Beim Mann für das Amerika-Geschäft reicht es dagegen, wenn er um eins kommt, dafür wird er vielleicht auch bis 22 Uhr noch angerufen. Jetzt stecken wir das in das deutsche Von-neun-bis-fünf-Korsett, das passt nicht. Wenn der "Amerikaner" um eins kommt und um sechs wieder geht, um seine Kinder ins Bett zu bringen und danach zu Hause noch ein bisschen arbeitet – gerne. Aber wir wollen dafür keine Nachtzuschläge zahlen.

Im Augenblick geht der Trend aber eher zu mehr Regulierung. Als nächstes sind Leiharbeit und Werkverträge dran …

Wir können keine weitere Verteuerung der Arbeit gebrauchen, ebenso wenig wie noch mehr Einschränkungen bei flexiblen Arbeitsmarktinstrumenten. Wir müssen vielmehr darüber reden, wie wir einfache Beschäftigung in Deutschland halten. Wir haben immer noch Regionen mit zweistelliger Arbeitslosigkeit in Deutschland. Damit sollte sich die Arbeitsministerin beschäftigen.

Ist also alles in Butter bei Leiharbeit und Werkverträgen?

Es gibt klare Gesetze gegen den Missbrauch, und die sollten wir auch ganz strikt einhalten. Leider zerstören einige wenige schwarze Schafe das Vertrauen, das die Unternehmer in Deutschland verdienen. Denken Sie daran, was wir allein in den vergangenen Jahren an Zusatztarifverträgen für die Zeitarbeit vereinbart haben.

Die Gewerkschaften werfen Ihnen vor, die Produktion in kleine Häppchen zu zerteilen, diese als Werkvertrag zu vergeben und so Löhne zu drücken. Ist da nichts dran?

Was ist denn die Ursache davon, dass Dienstleistungen ausgelagert oder ganze Produktgruppen nicht mehr vom Unternehmen selbst, sondern von Dienstleistern hergestellt werden? Die Ursache ist doch ein völlig überzogenes Lohnniveau. Seit 2008 sind die Löhne in der Metall- und Elektro-Industrie um fast 20 Prozent gestiegen. Also wird vieles heute an Dienstleister vergeben, weil die Arbeit im Metalltarif schlicht nicht mehr bezahlbar ist.

Können Sie ein Beispiel nennen?

In der untersten Entgeltgruppe 1 verdienen Sie heute 2.200 Euro brutto im Monat für 35 Wochenstunden. Karton aufschneiden, Teil auspacken, hinlegen, nächsten Karton aufschneiden. 2.200 Euro. Erzählen Sie das mal einer gelernten Einzelhandelskauffrau oder einem Lageristen. Also lassen viele Unternehmen den Spediteur die Kartons auspacken, der zahlt den niedrigeren Verdi-Tarif. Das steigende Lohnniveau gefährdet unsere Wettbewerbsfähigkeit. Mit dem letzten Metallabschluss im Frühjahr 2015 wurde der Bogen überspannt.

Arbeitsministerin Nahles will ja nur den Missbrauch von Werkverträgen eindämmen …

Wie will sie denn zwischen guten und schlechten Werkverträgen unterscheiden können? Ich sage: Finger weg! Werkverträge sind ein bewährtes Instrument der Arbeitsteilung in unserer Industrie. Wenn Sie da rangehen, öffnen Sie die Büchse der Pandora.

Die Metall- und Elektro-Industrie hat von der neuen Regulierung wahrscheinlich doch gar nicht viel zu befürchten. So hat Frau Nahles ja angedeutet, dass es Öffnungsklauseln in Branchen mit tariflichen Regelungen für Zeitarbeit geben soll.

Ich möchte das als großes Ganzes sehen, weil wir mit vielen Dienstleistern zusammenarbeiten, die Zeitarbeiter beschäftigen. Und wir dürfen nicht vergessen: Ein Job in der Zeitarbeit ist ein tariflich geregelter und voll sozialversicherungspflichtiger Arbeitsplatz. Das sind keine Mitarbeiter zweiter Klasse.

Das Interview führten Thomas Tuma und Frank Specht, Handelsblatt. Erschienen am 9. Oktober 2015.