"Wir müssen bei der Wochenarbeitszeit flexibler werden"

"Wir müssen bei der Wochenarbeitszeit flexibler werden"

"Wir müssen bei der Wochenarbeitszeit flexibler werden"

Margret Suckale, Präsidentin des Chemie-Arbeitgeberverbandes BAVC, und Gesamtmetall-Präsident Rainer Dulger im Doppelinterview mit der Rheinischen Post zu den Themen Arbeiten 4.0, der kommenden Bundestagswahl und US-Präsident Trump

Foto: Margret Suckale, BAVC-Präsidentin, und Gesamtmetall-Präsident Rainer Dulger

Margret Suckale, Präsidentin des Chemie-Arbeitgeberverbandes BAVC, und Gesamtmetall-Präsident Rainer Dulger im Doppelinterview mit der Rheinischen Post zu den Themen Arbeiten 4.0, der kommenden Bundestagswahl, US-Präsident Trump und Europa:

Im Deutschlandtrend liegt die SPD erstmals seit zehn Jahren vor der Union. Stehen wir vor einem Linksruck?

Margret Suckale: Nach dem Brexit-Votum und der Wahl von Donald Trump habe ich den Glauben in Umfragen etwas verloren. Die Wahl wird zeigen, ob es zu einem solchen Linksruck kommt. Offenbar will die SPD einen Wahlkampf mit Emotionen führen. Soziale Gerechtigkeit ist natürlich ein wichtiges Thema, aber Martin Schulz hat zuletzt das falsche Bild einer zerrissenen Gesellschaft gezeichnet - etwa als er von 40 Prozent Befristungen gesprochen hat. Der Durchschnitt in der Industrie liegt gerade einmal bei etwa zehn Prozent.

Schulz scheint die richtigen Knöpfe zu drücken. Seine Vorschläge zur Agenda 2010 befürworten zwei Drittel der Deutschen.

Rainer Dulger: Das wäre ein Schritt in die völlig falsche Richtung. Eine Verlängerung des Arbeitslosengeldes ist ein Salto rückwärts. Er selbst hat im Februar 2014 gesagt, dass Deutschland dank der Agenda 2010 so wirtschaftlich gut dasteht. Und jetzt, da es ihm in den Wahlkampf passt, zeichnet er ein gänzlich anderes Bild unseres Landes. Dieses Deutschland ist das beste, was wir je hatten: Über 43 Millionen Beschäftigte, satte Reallohnsteigerungen, hohe Renten, ein hohes Steueraufkommen. Jetzt so zu tun, als müssten die Menschen Angst vorm sozialen Abstieg haben, ist völlig abstrus. Ich hoffe, dass sich der Wahlkampf noch versachlicht.

Suckale: Da bin ich pessimistisch. Denn Angst lässt sich sehr gut transportieren. Obwohl es objektiv keinen Grund für sie gibt. In der Chemie haben wir sehr gute Gehälter, die in den vergangenen zehn Jahren um 27 Prozent gestiegen sind. Wir haben Arbeitsplatzsicherheit und hohe Investitionen in Deutschland. Für Angst gibt es keinen begründeten Anlass.

Angst herrscht auch wegen der Digitalisierung. Was, wenn ich meinen Arbeitsplatz an eine Maschine verliere?

Dulger: So wird es doch nicht kommen. Im Angesicht der Digitalisierung in Angststarre zu verfallen und sich im Keller zu verstecken, ist doch falsch. Wir müssen uns an die Spitze der Bewegung setzen und diejenigen sein, die Prozesse vorantreiben. Natürlich werden sich Geschäftsmodelle ändern und Tätigkeiten wegfallen. Aber das bedeutet eben nicht, dass Jobs verschwinden. Sie werden sich nur verändern.

Suckale: Die Digitalisierung wird das Arbeiten in vielen Bereichen sehr erleichtern. In der Chemie wird zum Beispiel die vorausschauende Instandhaltung die Zahl der ungeplanten Anlagenausfälle erheblich reduzieren. Auch für die Forschung gibt es viele neue Optionen. Diesen Wandel werden wir gemeinsam mit unseren Mitarbeitern und unserem Sozialpartner gestalten.

Das setzt voraus, dass die Mitarbeiter auch entsprechend geschult werden.

Dulger: Das machen wir doch längst. Die deutsche Wirtschaft gibt jährlich 60 Milliarden Euro für die Aus- und Weiterbildung ihrer Mitarbeiter aus. Das wird auch so bleiben, sich womöglich noch erhöhen. Da ist aber auch der Staat gefordert. Solange wir noch Regionen ohne schnelles Internet haben, kann die Digitalisierung nicht gelingen. Wo keine Datenautobahn ist, gibt es keinen Wohlstand. Der Ausbau kommt viel zu langsam voran.

Im Zuge der Digitalisierung rückt das Thema Arbeitszeit wieder mehr in den Fokus. Welche Fallstricke sehen Sie dabei?

Suckale: Die größte Klippe sind starre gesetzliche Regelungen, etwa bei den Ruhezeiten. Elf Stunden müssen eingehalten werden. Aber ist die E-Mail, die abends um elf Uhr noch schnell geschrieben wird, eine Unterbrechung der Ruhezeit? Deshalb benötigen wir eine gesetzliche Klarstellung. Umgekehrt lesen wir doch auch mal während der Arbeitszeit eine private E-Mail oder telefonieren rasch mit der Familie. Kaum ein Arbeitgeber hat heute ernsthaft etwas dagegen. Denn Privates und Berufliches lässt sich eben nicht immer strikt voneinander trennen.

Dulger: Wir benötigen dringend flexiblere Arbeitszeiten. Das heißt nicht Mehrarbeit. An der 35-Stunden-Woche wollen wir gar nicht rütteln. Aber wir müssen bei der Wochenarbeitszeit flexibler werden.

Das Thema wird Sie in der Tarifrunde beschäftigen - hat die IG Metall zumindest schon angekündigt.

Dulger: Dieses komplexe Thema verträgt keinen Druck von der Straße. Gleichwohl ist das Thema wichtig.

Die SPD profiliert sich derzeit auch mit einem Gesetzesvorschlag zur Begrenzung von Managergehältern.

Suckale: Wir sollten nicht den Fehler begehen und Einzelfälle zum Anlass für eine Regulierung nehmen. Die Vergütung von Mitarbeitern und Vorständen ist Aufgabe der Vertragspartner. Der Staat sollte sich weder in die Tarifpolitik noch in die Vergütung von Managern einmischen.

Schauen wir in die USA: Donald Trump forciert eine protektionistische Politik. So richtig ruhig schlafen dürften Sie nicht mehr.

Dulger: Donald Trump ist demokratisch und rechtmäßig gewählt. Deswegen bringe ich ihm Respekt entgegen. Er hat eine breite Basis - vor allem bei den mittelständischen Unternehmern der USA. Wir sollten ihm Zeit geben und dann beobachten, was er tatsächlich tut. Ich rate zur größtmöglichen Zurückhaltung.

Suckale: Die deutschen Chemie-Unternehmen exportieren für rund 20 Milliarden Euro in die USA und produzieren dort vor Ort noch einmal im Wert von 60 Milliarden Euro. Natürlich sehen wir es mit Sorge, wenn sich ein Land abschottet. Mehr denn je benötigen wir weitere Freihandelsabkommen. Es ist bedauerlich, dass TTIP bisher nicht zustande gekommen ist, das lag aber sicher nicht allein an Donald Trump.

Aber unter ihm dürfte es keinen neuen Anlauf geben.

Suckale: Natürlich hat sich die Ausgangslage für einen Neuanlauf nicht verbessert. Aber mit Emotionen kommen wir kein Stück weiter. Wir müssen vielmehr ruhige und sachliche Gespräche mit den USA führen.

Als eine Art Hoffnungsschimmer wird das öffentliche Investitionsprogramm des US-Präsidenten angeführt. Können deutsche Firmen ein Stück des Kuchens abbekommen?

Dulger: Ja, wenn sie in den USA ihre Wertschöpfung betreiben. Denn auch wenn der Präsident bei uns etwas eckig rüberkommt: Deutsche Firmen profitieren von Trump. Das Land hat infrastrukturell großen Nachholbedarf. Wenn er dieses Wahlkampfversprechen wahr macht, wird sich das lohnen.

Wie stabil ist das europäische Gefüge? Schließlich haben die Briten mit ihrem Austritt viele schockiert.

Dulger: Wirtschaftlich betrachtet halten sich die Schäden bisher in Grenzen. Die Umsätze sind zu groß, um sie zu vernachlässigen, sie sind aber zu klein, um in Panik zu verfallen. Für die Metall- und Elektro-Industrie sprechen wir da von fünf Prozent. Europa sollte bedächtig die Brexit-Verhandlungen führen. Eine harte Haltung gegenüber den Briten halte ich für deplatziert.

Suckale: Der Brexit wird auch für die Wertschöpfungsketten der chemischen Industrie Folgen haben. Dennoch sollten wir ohne jegliche Häme klarmachen, was ein Austritt bedeutet. Natürlich gilt es weiterhin unser gutes Verhältnis zu den Briten aufrechtzuerhalten, in dem wir entsprechende bilaterale Verträge abschließen. Großbritannien ist wirtschaftlich und politisch ein zu wichtiger Partner.

Dulger: Ich glaube, wir haben hier eine Chance. Wir können die EU dank des Brexits endlich reformieren. Bei den Grundgedanken - freier Austausch von Waren, Finanzströmen, Personen und Dienstleistungen - müssen wir doch klar sagen: Mission erfüllt. Also lasst uns die Dingen angehen, an denen es noch krankt: Wir brauchen eine einheitliche Sicherheits- und Außenpolitik sowie eine weitere Stärkung des Binnenmarktes.

Das Interview führte Maximilian Plück, Rheinische Post. Erschienen am 28. Februar 2017.

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