"Wir müssen um die Wettbewerbsfähigkeit des Standorts fürchten"

"Wir müssen um die Wettbewerbsfähigkeit des Standorts fürchten"

"Wir müssen um die Wettbewerbsfähigkeit des Standorts fürchten"

Gesamtmetall-Präsident Dr. Rainer Dulger

Foto: Gesamtmetall-Präsident Dr. Rainer Dulger

Gesamtmetall-Präsident Dr. Rainer Dulger im Gespräch mit der WirtschaftsWoche zur Tarifrunde 2016 in der Metall- und Elektro-Industrie:

Herr Dulger, am Dienstag gibt die IG-Metall-Spitze ihre Lohnforderung für die anstehende Tarifrunde bekannt. Auf was stellen Sie sich ein?

Die IG Metall ist traditionell sehr kreativ, wenn es um die Begründung hoher Lohnforderungen geht. Es ist jetzt aber die falsche Zeit für Höhenflüge. Unserem Standort geht die Puste aus. Seit der Lehman-Pleite sind die Löhne in der Metall- und Elektro-Industrie in nur sieben Jahren um 20 Prozent gestiegen – die Produktivität dagegen nur um knapp zwei Prozent. Wir müssen jetzt extrem vorsichtig sein.

Mit Verlaub: Im Krisenmodus ist die Wirtschaft nun nicht gerade. Manche Ökonomen rechnen 2016 mit einem Wachstum von über zwei Prozent.

Sie dürfen die Gesamtwirtschaft nicht mit der M+E-Industrie gleichsetzen. Die aktuell gute Lage ist vor allem konsumgetrieben. Unsere Industrie aber lebt vom Export, wir produzieren zu fast 80 Prozent Investitionsgüter. Es nützt uns wenig, wenn die Verbraucher mehr Geld in Supermärkten und Restaurants ausgeben. Fakt ist: Die M+E-Industrie wächst nur unterdurchschnittlich. 2015 waren es 0,5 bis 0,8 Prozent, in diesem Jahr dürfte maximal ein Plus von einem Prozent herauskommen.

Woran liegt das?

Wir erleben einen Scheinaufschwung durch den niedrigen Ölpreis und den schwachen Euro. Strukturell aber haben wir die Wettbewerbsfähigkeit nicht verbessert. Die Produktivität ist 2015 um 0,1 Prozent gesunken, die Lohnstückkosten sind um 2,6 Prozent gestiegen. Rund 26 Prozent der M+E-Betriebe schreiben rote Zahlen oder schaffen nur die schwarze Null. Ordentlich läuft es noch in den Bereichen Fahrzeugbau, Elektro, Feinmechanik und Optik. Dem Maschinenbau aber geht es deutlich schlechter. Hier schlagen die Russland-Sanktionen und die nachlassende Dynamik in Schwellenländern wie China und Brasilien voll durch.

Was bedeutet das für Jobs und Investitionen?

Bei der Beschäftigung dürfte es insgesamt eher so bleiben wie es ist. Das Investitionsvolumen der M+E-Industrie legt 2016 zu – nur leider nicht in Deutschland. Kapazitätsausweitungen finden in vielen Unternehmen nur noch im Ausland statt. Eine Zeit lang lag das vor allem daran, dass sich Betriebe im Ausland einen Marktzugang erschließen wollten. Dieser Prozess ist vielerorts abgeschlossen. Jetzt wird wieder da produziert, wo es am günstigsten ist. Das Kostenargument steht wieder ganz oben.

Es gab nach dem vergangenen Tarifabschluss in Ihren Reihen großen Unmut. Viele Betriebe empfanden die Lohnerhöhung von 3,4 Prozent als zu hoch.

Das war sie rückblickend auch. Tarifverträge sind nun mal eine Wette auf die Zukunft.

Heißt das: Sie verhandeln diesmal härter und nehmen notfalls auch einen Streik in Kauf?

Sagen wir es so: Wir müssen um die Wettbewerbsfähigkeit des Standorts fürchten und werden entsprechend agieren.

Ist die Vernetzung der Wirtschaft mittlerweile nicht so groß, dass sich die Arbeitgeber einen längeren Streik gar nicht leisten können – und deshalb faule Kompromisse eingehen?

Unterschätzen Sie nicht unsere Entschlossenheit und Fähigkeit, einen Streik auszuhalten!

Es gibt Unternehmer-Stimmen, die sagen: Der Abschluss darf keinesfalls eine Drei vor dem Komma haben – es sei denn bei einer langen Laufzeit.

Über die Laufzeit lässt sich vieles regeln. Ein Tarifabschluss setzt sich ja immer aus mehreren Komponenten zusammen. Es gibt auch die Möglichkeit von Einmalzahlungen oder Differenzierungsklauseln für schlecht laufende Betriebe. Das liegt alles in unserem Werkzeugkasten, und das können wir auch alles auf den Tisch legen.

Im Stahlsektor gibt es in diesem Jahr 2,3 Prozent mehr Geld. Eine Hausnummer auch für Sie?

Die Stahlindustrie hat eine Sonderrolle in Deutschland, losgelöst von der Metall- und Elektro-Industrie und mit ganz anderen Marktbedingungen. Im Stahlbereich arbeiten nur noch knapp 100.000 Beschäftigte, in der M+E-Industrie hingegen 3,8 Millionen. Der Stahlabschluss ist daher für uns irrelevant. Wir warten jetzt die Forderung der IG Metall ab und beraten uns dann in unseren Gremien. Es dürfte noch einige Zeit dauern, bis wir ein eigenes Angebot präsentieren.

IG-Metall-Chef Jörg Hofmann hat angekündigt, diesmal auch nicht-tarifgebundene Betriebe ins Visier zu nehmen. Wie reagieren die Arbeitgeber darauf?

Wenn die IG Metall die Tarifbindung erhöhen will, ist das in unserem Sinne. Das geht aber nicht mit der Brechstange. Unter dem Dach von Gesamtmetall haben wir 3.500 nicht tarifgebundene Betriebe mit 450.000 Beschäftigten. Wenn Herr Hofmann mit uns vernünftige und flexible Tarifverträge schließt, steigt die Tarifbindung automatisch.

Inwieweit kann die Metallindustrie Flüchtlinge einstellen?

In unserer Branche gibt es fast keine Jobs mehr für gering Qualifizierte. Diese Stellen sind fast komplett ins Ausland gewandert. Aber als Auszubildende sind junge Flüchtlinge hochwillkommen. Im diesem Jahr sind in unserer Branche ja 7.000 Lehrstellen unbesetzt geblieben. Der erste Schritt für die Integration in den Arbeitsmarkt ist allerdings der Spracherwerb.

Das Interview führte Bert Losse, WirtschaftsWoche. Erschienen am 29. Januar 2016.