"Wir müssen Zuwanderung nach klaren Kriterien steuern"

"Wir müssen Zuwanderung nach klaren Kriterien steuern"

"Wir müssen Zuwanderung nach klaren Kriterien steuern"

Gesamtmetall-Präsident Dr. Rainer Dulger

Foto: Gesamtmetall-Präsident Dr. Rainer Dulger
 

Gesamtmetall-Präsident Dr. Rainer Dulger im Interview mit dem Handelsblatt zum Thema Integration und Flüchtlinge:

Herr Dulger, die CSU wirft der Kanzlerin vor, es mit der Willkommenskultur übertrieben und den Run auf Deutschland so mit provoziert zu haben. Pflichten Sie dem bei?

Ich stehe da eindeutig bei der Kanzlerin. Wir sind ein starkes Land, wir sind eine Demokratie, und wir können es uns nicht erlauben, Menschen in Not aus Bürgerkriegsregionen zurückzuweisen. Deshalb ist das, was die Regierung jetzt auf den Weg gebracht hat, ein großer Schritt in die richtige Richtung. Aber wir müssen erst noch beweisen, dass wir die Willkommenskultur auch über längere Zeit durchhalten oder wenn es mal schwieriger wird. Die Flüchtlingskrise wird uns noch lange Zeit beschäftigen.

Sie sagen, es war ein Schritt in die richtige Richtung. Was vermissen Sie?

Wir müssen stärker unterscheiden. Es ist klar, dass wir Kriegsflüchtlingen helfen. Viele von ihnen werden in ihre Heimat zurückgehen, wenn die einmal befriedet ist - und sie gehen dann als Freunde.

Und die anderen?

Und dann gibt es Menschen, die zu uns kommen, weil sie sich hier bessere wirtschaftliche Perspektiven erhoffen als in ihrer Heimat. Und hier müssen wir Zuwanderung nach klaren Kriterien steuern, so wie das andere Länder machen, die eine lange Einwanderertradition haben. Da sitzt eine Kommission, die jedes Jahr anhand von Arbeitsmarktdaten  ermittelt, was gebraucht wird, etwa Ärzte, Elektriker, Zimmerleute. Und wenn so ein gelernter Zimmermann kommt, der die Kriterien erfüllt, bekommt der sofort einen Pass.

Ohne Zuwanderungsgesetz geht es also nicht?

Wir müssen klar sagen, wie wir Zuwanderung steuern wollen, und das geht ohne Gesetz nicht. Im Augenblick haben wir durch den niedrigen Ölpreis und den schwachen Euro eine gedopte Konjunktur. Aber das wird auch mal wieder anders. Und in Zeiten, wo es auf dem Arbeitsmarkt nicht mehr so rundläuft und wir dann niemanden aus dem Ausland brauchen, muss man das dann auch sagen dürfen.

Zunächst geht es aber ja darum, die Menschen in den Arbeitsmarkt zu integrieren, die schon da sind.

Richtig, und obwohl die Regierung schon einiges getan hat, dauert das noch viel zu lange. Asylsuchende sollten, wenn sie sechs Monate bleiben dürfen, ohne Vorrangprüfung eine Ausbildung beginnen oder arbeiten dürfen. Die sitzen doch in den Aufnahmelagern und wissen nicht, was sie tun sollen. Das führt zu Konflikten. Arbeit ist der beste Weg zur Integration. Aus Flüchtlingen werden Beschäftigte, aus Beschäftigten Kollegen, aus Kollegen Freunde.

Noch gibt es nur Stichproben, was die Qualifikation der Asylsuchenden angeht. Sind Sie optimistisch, dass die Integration gelingt?

Viele Syrer sind hervorragend ausgebildet, da sind auch Ingenieure dabei. Die kennen jetzt nicht die Handwerksberufe, wie wir sie haben, aber wir können sie mit wenig Aufwand weiterqualifizieren. Und das größte Potenzial bilden die vielen jungen Menschen, die eine Ausbildung suchen. Unsere Branche konnte im letzten Jahr fast 7 000 Lehrstellen nicht
besetzen - und da kommen wir noch ganz gut weg. Der Bau sucht händeringend Leute. Ein Freund von mir ist Frisör, der würde zwei Lehrlinge einstellen und findet keinen  einzigen. Da haben die Flüchtlinge eine große Chance.

Würden Ausnahmen vom Mindestlohn, wie sie bei Langzeitarbeitslosen gelten, Flüchtlingen die Jobsuche leichter machen?

Der Mindestlohn ist und bleibt in einem Land, das mit Tarifautonomie gewachsen ist, ein Fremdkörper. Aber er ist nun einmal da und gilt für alle, natürlich auch für Flüchtlinge. Und wir müssen Flüchtlinge, die zu uns ins Land kommen, wie jeden anderen auch behandeln.

Haben Sie selbst schon mal über die Beschäftigung von Flüchtlingen in Ihrer Firma nachgedacht?

Nein, aber das liegt daran, dass mein Unternehmen derzeit eher im Ausland wächst.

Das Interview führten Thomas Tuma und Frank Specht, Handelsblatt. Erschienen am 14. September 2015.