"Wir zwingen niemanden, bei uns einzukaufen"

"Wir zwingen niemanden, bei uns einzukaufen"

"Wir zwingen niemanden, bei uns einzukaufen"

Herr Kannegiesser, Sie sind nicht nur der wichtigste Industrielobbyist Deutschlands, Sie haben auch ein eigenes Unternehmen. Wie ist denn der Maschinenbauer Kannegiesser durch die Krise gekommen?

Deutlich glatter als befürchtet. Die gesamte Branche ist im Herbst 2008 mit einem Tempo und einer Wucht abgestürzt, die uns fassungslos gemacht haben. Manche Unternehmen standen innerhalb weniger Wochen nur noch mit der Hälfte der Aufträge da – das hat es zuvor noch nie gegeben. In meinem eigenen Unternehmen war der Einbruch glücklicherweise nicht so stark. Wir hatten 2009 einen Umsatzrückgang von 17 Prozent. Schlimm genug. Aber es war beherrschbar: Wir haben übervolle Arbeitszeit-Konten geleert und Urlaubsansprüche abgebaut. Kurzarbeit mussten wir nicht nutzen. Inzwischen sind wir wieder normal ausgelastet.

Warum ist Ihr Unternehmen glimpflicher durch die Krise gekommen als andere?

Ein wichtiger Grund ist unser Kundenkreis. Wir liefern unsere Wäscherei-Maschinen an Dienstleister, die Berufskleidung und Wäsche für Unternehmen, Hotels oder Krankenhäuser waschen. Alles, was mit dem Gesundheitswesen zusammenhängt, ist stabil geblieben. Unterm Strich konnten wir in der Krise weltweit sogar Marktanteile gewinnen.

In der gesamten Industrie ziehen Aufträge und Produktion seit März wieder kräftig an. Ist der Erholung zu trauen?

Ich setze darauf, dass sich die Auftragslage weiter verbessern und stabilisieren wird. Das geht womöglich schneller als gehofft. Offensichtlich sind wir mit unserer Produktpalette gut aufgestellt: Wir haben ein Sortiment, das weltweit gebraucht wird. Einige unserer Produkte sind sogar unverzichtbar. Man kann Investitionen aufschieben – aber nicht ganz darauf verzichten. Das gilt zum Beispiel für Kraftwerke. Im Maschinenbau sind wir in 18 von 31 Sparten Weltmarktführer. Und für das Premium-Segment der Autoindustrie gilt: Wenn es wieder aufwärts geht, wünschen sich viele Menschen einen hochwertigen Wagen, unabhängig von der fur alle Autoklassen weiter voranzutreibenden Entwicklung neuer Antriebstechniken.

Wann wird die deutsche Industrie wieder Vorkrisenniveau erreichen? Im Frühjahr sind Sie ja davon ausgegangen, dass dies frühestens 2012 zu schaffen ist.

Zurzeit beträgt der Abstand bei der Produktion noch 23 Prozent. Im Branchendurchschnitt müssten wir Mitte 2011 wieder eine Normalauslastung von deutlich über 80 Prozent erreichen. Es gibt natürlich Risiken: Sind die Finanzmärkte jetzt wirklich stabil? Wenn sie noch einmal einbrechen, wird es bitter. Denn in vielen Firmen ist die Eigenkapitaldecke in der Krise sehr dünn geworden, sie könnten nicht noch einmal ihre Belegschaft in dem Ausmaß, wie wir es 2009 erlebt haben, halten.

Was muss sich auf den Finanzmärkten denn ändern?

Unser Problem ist, dass es für Investoren immer noch um ein Vielfaches attraktiver ist, in Finanzprodukte zu investieren als in der Realwirtschaft. Dort sind Renditen möglich, die Industriebetriebe nicht annähernd erzielen können.

Was schlagen Sie vor?

Ich habe Sympathie für die hinter einer Finanztransaktionssteuer stehenden Überlegungen. Sie würde das Hin- und Herschieben von Geld auf den Finanzmärkten verteuern und damit Anreize schaffen, mehr in die Realwirtschaft zu investieren. Leider ist die Steuer derzeit international nicht durchsetzbar. Was uns auch hilft, sind strengere Regeln für Finanzprodukte. Die Bundesregierung hat ja bestimmte Derivate bereits ganz verboten. Auch dadurch können Kapitalströme wieder in die Industrie geleitet werden. Wir haben in unserer Branche auch darüber nachgedacht, ob wir uns abkoppeln können von den internationalen Kapitalmärkten. Können wir beispielsweise mit den Sparkassen und manchen Kapitalsammelstellen einen eigenen Finanzierungskreislauf aufbauen? Aber das ist am Ende Spinnerei, sie können die Finanzmärkte nicht trennen. Aber solche Gedanken waren ein Symptom für unsere Finanzierungsnot, speziell in der mittelständischen Industrie.

Die Exportlastigkeit der deutschen Wirtschaft ist in die Kritik geraten. Müssen Sie über eine neue Strategie nachdenken? Immerhin lahmt die Wirtschaft in Europa, Ihrem wichtigsten Absatzmarkt. Und Defizitländer wie die USA können nicht dauerhaft auf Pump in Deutschland einkaufen.

Wenn Länder wie die USA kein Geld haben, um bei uns einzukaufen, dann sollten sie es lassen. Wir zwingen niemanden dazu. Für die Metall- und Elektroindustrie gilt: Wir werden versuchen, immer mehr Märkte zu gewinnen. Staaten wie China und Brasilien werden an Bedeutung gewinnen. Unsere Industrie lebt von Weltoffenheit. Wenn mein Unternehmen nur für Deutschland produzieren würde, könnten wir den Betrieb jeden Dienstag um elf Uhr schließen.

Deutsche Unternehmen sind auch deshalb so wettbewerbsfähig, weil die Löhne langsamer gestiegen sind als im Rest-Europa.

Im ganzen Leben geht es darum, im Wettbewerb nicht unterzugehen. Darum haben wir uns in der Metall- und Elektroindustrie bemüht. Hätten wir das nicht getan, gäbe es heute eine Million weniger Industrie-Arbeitsplätze. Im Übrigen ist das Lohnniveau in unserer Branche im internationalen Vergleich immer noch spitze – die anderen Länder haben höchstens ihren Rückstand etwas verringert. Wer bei Innovationen nicht vorn bleibt und seine Lohnkosten nicht im Gleichschritt mit der Produktivität entwickelt, der geht früher oder später unter, darf sich dann nicht beklagen, wenn schließlich nur Popmusik und Finanzdienstleister bleiben.

Leiharbeiter erhalten keine Spitzeneinkommen.

Dadurch wird das Lohnniveau insgesamt nicht spürbar gesenkt. In unserer Branche lag der Anteil der Zeitarbeitnehmer selbst zu Boomzeiten bei gerade einmal 6 Prozent.

Zurzeit boomt die Leiharbeit schon wieder. Findet der Jobaufbau nur hier statt?

Nein. Wir brauchen ausreichend große, gut ausgebildete Stammbelegschaften. Und in manchen Bereichen gibt es ja schon wieder einen Facharbeitermangel. Aber Zeitarbeit ist der erste Indikator dafür, dass die Lage sich gebessert hat. Das war schon im jüngsten Aufschwung so: damals waren 60.000 Zeitarbeitnehmer zusätzlich im Einsatz, die Zahl der Stammarbeitsplätze stieg aber um 230.000. Es gibt kein wirksameres Instrument, um Ungleichgewichte am Arbeitsmarkt zwischen schlecht und gut ausgelasteten Sparten und Unternehmen schnell auszugleichen als Zeitarbeit. Dies sichert das gesamte Beschäftigungsniveau.

Im vorigen Jahr ist die Zahl der Stammbeschäftigten in Ihrer Branche um rund 200.000 gesunken. Wie geht es weiter?

Seit April/Mai gibt es kaum noch Stellenabbau. Ich rechne damit, dass wir bis Jahresende das jetzige Beschäftigungsniveau halten können. Das heißt: Wir verlieren in diesem Jahr vielleicht 10.000 oder 20.000 Arbeitsplätze – und nicht 50.000, wie Anfang des Jahres befürchtet. Im nächsten Jahr dürfte die Beschäftigung sogar wieder steigen. Zeitarbeitnehmer sind hierbei nicht mitgezählt.

Sie lehnen die gleiche Bezahlung von Leihkräften und Festangestellten ab. Damit unterlaufen Sie Ihre eigenen Tarifverträge. Sind die so schlecht?

Wir haben dazu eine differenzierte Auffassung. Viele Jobsuchende finden nur über Zeitarbeit den Einstieg in den Arbeitsmarkt. Das rechtfertigt einen Lohnabschlag. Für Betriebe schafft Zeitarbeit die nötige Flexibilität: Mit keinem Instrument kann man so schnell auf Schwankungen reagieren. Natürlich spielen auch die Kosten eine Rolle. Es wird immer so sein, dass die Stammbelegschaft mit ihrem kollektiven Wissen für einen Betrieb einen höheren Wert hat als jemand, der nur vorübergehend da ist.

Die IG Metall sieht das anders und fordert die gleiche Bezahlung. Ihr Vizechef Wetzel hat kürzlich gedroht: „Wenn die Metall-Unternehmen weiter auf Lohndumping via Leiharbeit setzen, können wir das System flexibler Tarifverträge nicht aufrechterhalten.“ Nehmen Sie notfalls eine Blockadepolitik der Gewerkschaft in Kauf, um weiter billige Arbeitskräfte anheuern zu können?

Das ist eine überzogene Drohung. Ohne unsere modernisierten Tarifverträge hätten wir die Krise nicht so glimpflich überstanden. Und dieses System will Herr Wetzel jetzt aufs Spiel setzen? Da würden die Unternehmen nicht mitmachen – und ich meine damit beide Seiten: Firmenleitung und Betriebsräte.

Sie wollen hart bleiben?

Die Gewerkschaften müssen zunächst mit den Zeitarbeits-Firmen verhandeln, denn dort sind die Menschen angestellt. Wir als Kundenunternehmen sagen: Die Kosten eines Zeitarbeitsnehmers müssen unter den Kosten für eine Vollkraft liegen. Dabei könnte man differenzieren zwischen Fachkräften und geringer Qualifizierten, die sonst keine Chance auf dem Arbeitsmarkt hätten. Wenn Herr Wetzel jetzt formuliert: Wir als Kundenunternehmen versauen die Preise, dann kann ich ihm nur antworten: Kunden versauen immer die Preise. So ist das in der Marktwirtschaft.

Was bezahlen Sie denn Leiharbeitern in Ihrem Betrieb?

Zeitarbeitnehmer werden vom jeweiligen Zeitarbeitsunternehmen bezahlt, mit dem sie einen Arbeitsvertrag haben. Dieser richtet sich in der Regel nach dem Tarifvertrag zwischen Gewerkschaften und Zeitarbeitgeberverband. Wir als Kundenfirma zahlen in unserem Fall dem Zeitarbeitsunternehmen rund 15 Prozent weniger, als uns ein entsprechender Stammarbeitnehmer nach Vollkostenkalkulation kosten würde. Zeitarbeiter ergänzen unsere Stammbelegschaft und können sie in keinem Fall ersetzen. Zu unseren 1.300 festangestellten Mitarbeitern kommen etwa 65 Zeitarbeitskräfte. Bei der Bewertung von Lohnunterschieden muss man der erwarteten demographischen und qualifikatorischen Entwicklung vermutlich zwischen Qualifizierten und Gering- oder Unqualifizierten unterscheiden.

Das Gespräch führte Eva Roth für die Dumont-Gruppe.
Erschienen in Frankfurter Rundschau / Berliner Zeitung / Kölner Stadt-Anzeiger am 10. Juli 2010.