M+E-Produktion erstmals wieder auf Vorkrisenniveau

M+E-Produktion erstmals wieder auf Vorkrisenniveau

M+E-Produktion erstmals wieder auf Vorkrisenniveau

Sehr geehrte Damen und Herren,

ich möchte Sie heute vor allem über zwei Themen informieren. Und das Schöne ist: bei beiden gibt es gute Nachrichten.

Zunächst zur Konjunktur.

Sie alle wissen, wie massiv uns 2008 die Finanzkrise getroffen hat. Jeder Betrieb muss sich auf eine Balance zwischen Auslastung und Kostenstruktur einstellen. Wenn diese Balance innerhalb kürzester Frist dramatisch verändert wird, dann gerät das Unternehmen in die Existenzkrise.
Ich bin froh, Ihnen heute verkünden zu können: Die Produktion der Metall- und Elektro-Industrie ist im Durchschnitt wieder auf Vorkrisenniveau. Jetzt endlich haben wir den Kopf wieder über Wasser. Wir haben drei lange Jahre gebraucht, um den Einbruch von 2008/2009 aufzuholen und die neue Balance zu finden – drei Jahre einer schlimmen Durststrecke, die manchem Betrieb wie eine Ewigkeit vorgekommen ist. Jetzt liegt das Tal der Tränen im Großen und Ganzen hinter uns. Ab jetzt – aber auch erst ab jetzt – ist jedes zusätzliche Prozent Wachstum echtes Wachstum und nicht mehr Aufholarbeit.

Einzelne unserer Industriebereiche wie die Automobil- und die Elektroindustrie haben diese Null-Linie schon früher überschritten, andere liegen noch immer zurück und brauchen noch Zeit – der Maschinenbau zum Beispiel erwartet erst für 2012 die Rückkehr auf das Vorkrisenniveau. Aber insgesamt gilt: Endlich wachsen wir wieder.

Die Botschaft, dass wir erst jetzt wieder dort angelangt sind, wo wir Mitte 2008 schon einmal waren, mag viele von Ihnen überraschen. Denn schon vor Monaten wurde in Deutschland der Aufschwung XXL ausgerufen und von der Politik entsprechend gefeiert. Auch die Metall- und Elektro-Industrie konnte mit zum Teil rasanten Wachstumszahlen aufwarten. Aber wir sehen: Dieser Aufschwung war nur ein Aufholen, kein neues Wachstum.

Nach dem tiefen Einbruch des Jahres 2008/2009 kehren wir erst jetzt wieder mit der Produktion in den Normalmodus zurück – übrigens 15 Monate später als die Entgelte, die schon im 2. Quartal 2010 die Null-Linie überschritten haben und derzeit 7,4 % über dem Vorkrisenniveau liegen.

Noch läuft das Geschäft, und unsere Position auf den Weltmärkten ist gut. Aber – bei aller Freude über den wieder erreichten Status Quo – wir bekommen eine Gänsehaut und die Haare stehen uns zu Berge, wenn wir daran denken müssten, jetzt schon wieder erneut in eine solche Talfahrt gestoßen zu werden. Leider können wir dies nicht ausschließen, die Risiken sind zu deutlich sichtbar:

Die Dynamik des Wachstums lässt nach und die Erwartungen der Unternehmen haben sich seit sieben Monaten kontinuierlich verschlechtert. Im September rutschten die Geschäftserwartungen sogar erstmals seit zwei Jahren wieder in den deutlich negativen Bereich.
  • Wir haben im Juli und August zwei Monate mit sinkenden Auftragseingängen erlebt. Noch ist unklar, ob dies lediglich ein statistischer Effekt ist oder ein frühes Zeichen für eine Trendwende darstellt. Zumindest aber zeugt es von einer gewissen Verunsicherung unserer Kunden.
  • Vor wenigen Tagen erst haben die Forschungsinstitute in ihrem Gemeinschaftsgutachten die Prognose für 2012 von 2,0 auf 0,8 Prozent Wachstum heruntergeschraubt.

Vor allem aber weiß niemand, was sich bei der Schuldenkrise zusammenbraut, welchen Sturm die Finanzmärkte noch entfesseln werden. Ich teile deshalb uneingeschränkt die Feststellung von Herrn Huber auf dem Gewerkschaftstag: „Wer glaubt, wir hätten die Krise schon hinter uns, der ist nicht von dieser Welt. Wir sind mitten drin in einer Banken- und Schuldenkrise. Sie kann jederzeit auf die Realwirtschaft durchschlagen.“

Wenn die Banken wieder anfangen, ihr Geld zu horten und bei den Zentralbanken zu parken, anstatt Investitionen der Realwirtschaft zu finanzieren, ist die Metall- und Elektro-Industrie sofort betroffen: Unsere Branche liefert Investitionsgüter, und solche Anschaffungen – ob Werkzeugmaschinen, Gasturbinen oder Waschstraßen – zahlt man nicht per EC-Karte, sondern die müssen zu vernünftigen Konditionen langfristig finanziert werden.

Falls eine neue Krise wirklich kommt – und ich hoffe sehr, dass dies nicht der Fall ist –, lautet die Frage: Sind wir besser vorbereitet als vor drei Jahren, als die von den Finanzmärkten ausgelöste Krise mit einer Geschwindigkeit und einer Wucht auf uns zukam, die wir alle eben nicht erwartet hatten?

Die Antwort fällt zwiespältig aus:
  • Einerseits sind die Vorsprünge bei unseren Produkten geblieben, die meisten Unternehmen fahren nach wie vor massive Innovationsprogramme. Wir werden die Flexibilisierungsinstrumente weiterhin in Reserve halten, sowohl die tariflichen als hoffentlich auch die gesetzlichen.
  • Andererseits aber sind, anders als 2008, die finanziellen Möglichkeiten für staatliche Konjunkturprogramme nahezu ausgetrocknet. Die Schwierigkeiten der Banken und der Finanzmärkte werden Investitionsprojekte einschnüren. Viele Firmen konnten ihre ausgehöhlte Eigenkapitalbasis zwar im letzten Jahr wieder verbessern, aber dies ist nicht weltweit und in allen Branchen möglich gewesen. Zurückhaltung und Skepsis der Anleger bleiben.

Für uns Unternehmer kommt es umso mehr darauf an, dem Publikum die guten Zukunftsperspektiven unserer Branche zu zeigen und langfristig nach vorn gerichtete Verhaltensweisen zu fördern: Neue Technologien erzwingen Investitionen, erhalten und fördern die zukünftige Wirtschaftskraft. Investitions- und Innovationslücken sind heutzutage und noch weniger in der Zukunft kaum aufholbar, führen zu Spiralen nach unten und zu dauerhaftem Abstieg. Die Bedeutung eines wettbewerbsfähigen Verhältnisses von Preis zu Leistung wird sich verstärken. Qualität allein reicht nicht mehr, sie muss sich konkret in wirtschaftlichen Kenndaten ausdrücken, wird sonst zum Luxus, den man sich nicht mehr leisten kann.

Was folgt daraus für unsere Branche?
  • Wir werden verstärkt Bemühungen um Konsolidierung sehen – Zusammenfassung von Standorten, Zusammengehen von Wettbewerbern, nationale und übernationale Kooperationen.
  • Der Arbeitsmarkt wird weiterhin aufgrund der erwarteten demographischen Entwicklungen und der Qualifikationsanforderungen gepflegt werden, aber die Anforderungen an Leistungsbereitschaft werden steigen. Die Firmen werden sich bemühen müssen, ihren Belegschaften Transparenz über die wirtschaftlichen Zusammenhänge im Unternehmen zu verschaffen, sie breit an Entscheidungsprozessen zu beteiligen, den konstruktiven Geist von Betriebsgemeinschaften zu erhalten. Fairer Umgang miteinander wird in solchen wirtschaftlichen Phasen entscheidend sein. Die Belegschaften müssen zu ihren Betrieben stehen – und diese im Rahmen des Machbaren und des Zumutbaren zu ihren Belegschaften. Diese gegenseitige Verbundenheit hat sich in der letzten Krise bewiesen und darf kein Strohfeuer gewesen sein.

Meine Damen und Herren,

das zweite Thema betrifft die Ausbildung in der M+E-Industrie.

Dies ist seit jeher ein Kernthema unserer Branche: Nur mit unseren hoch qualifizierten Belegschaften können wir uns im weltweiten Wettbewerb behaupten.

Sie haben sicher mitverfolgt, dass Ausbildung aber auch ein Thema ist, mit dem die IG Metall öffentlich Stimmung macht – indem sie von einer unsicheren, perspektivlosen Lage der Auszubildenden spricht. Wie aber ist die Lage tatsächlich? Wir haben im August und September eine Befragung unter 1.200 Mitgliedsunternehmen durchgeführt. Die Ergebnisse dieser Umfrage sind die zweite gute Nachricht, die ich Ihnen überbringen kann:
  • Erstens sind 75 Prozent aller Auszubildenden nach ihrer Ausbildung unbefristet übernommen worden – entweder sofort oder nach Ablauf der tarifvertraglich vereinbarten Übernahmefrist von einem Jahr. Die verbleibenden 25 Prozent haben von sich aus den Arbeitgeber gewechselt oder ein Studium aufgenommen, sind nach Ablauf der Ein-Jahres-Frist nur befristet oder gar nicht übernommen worden.

    Das deckt sich mit aller unternehmerischen Erfahrung und mit dem gesunden Menschenverstand. Die Ausbildung bei M+E kostet den Betrieb fast 30.000 Euro jedes Jahr. Ohne Not lässt kein Betrieb einen jungen Menschen ziehen, in dessen Ausbildung er so viel Geld investiert hat. Ich habe deshalb kein Verständnis dafür, dass die IG Metall skandalisierende Parolen über die Zukunftsaussichten der jungen Generation verbreitet. Über welche Jugend die IG Metall da spricht, weiß ich nicht. Jedenfalls auf keinen Fall über die, für die sie zuständig ist: Bessere Aussichten als in unserer M+E-Industrie kann ein junger Mensch kaum haben.
  • Das sieht man auch daran, dass 18 Prozent aller Unternehmen 2011 – in der Regel mangels geeigneter Bewerber – nicht alle Lehrstellen besetzen konnten. Bei diesen Unternehmen ist rund ein Viertel aller Stellen offen geblieben.
  • Drittens bildet gut jedes dritte Unternehmen über Bedarf aus – und zwar fast 30 Prozent mehr Lehrlinge, als es eigentlich benötigt. Man kann sich leicht vorstellen, was die von der IG Metall geforderte Übernahmepflicht bedeutet: Ein tariflicher Zwang zur flächendeckenden Verbeamtung von Fünfzehn­jährigen, noch bevor sie das erste Mal in der Berufsschule sitzen, würde dazu führen, dass kaum jemand noch über Bedarf ausbildet – und bei manchem Betrieb Zweifel aufkämen, ob ein Flächentarif mit so engen Regelungen für ihn noch passt.
Unsere Aufgabe in diesem Bereich ist die Förderung Lernschwächerer, um sie zu einer Berufsausbildung zu befähigen, und dann später die durchgängige Begleitung zu höheren Berufsabschlüssen – also die Förderung „vom Einstieg zum Aufstieg“. Angesichts unserer demographischen Entwicklung ist dies die Kernaufgabe für die Betriebe – und für die Arbeitnehmer übrigens der beste Schutz vor Erwerbslosigkeit!

Von den Unternehmen bezahlter Nachhilfeunterricht gehört inzwischen – leider – schon zum Standard-Programm einer Ausbildung. Nach unserer Umfrage bieten inzwischen bereits 18 Prozent aller Betriebe gezielt Ausbildungsplätze für lernschwächere Schüler an.

Natürlich kann und muss man hier noch mehr tun. Aber diese Zahlen zeigen eines schon sehr deutlich: Der an uns Arbeitgeber gerichtete Vorwurf von Herrn Huber auf dem Gewerkschaftstag, wir würden jungen Menschen die Chance auf eine Ausbildung verweigern, nur weil sie keine Top-Noten aus der Schule mitbringen, läuft jedenfalls in dieser Pauschalität ins Leere.

Damit bin ich bei der IG Metall, die derzeit alle Aktivitäten unter die Überschrift Mitgliederwerbung stellt. Ich möchte noch einmal betonen: Für die Mitglieder zählt nicht die Lautstärke, sondern die Lösungskompetenz einer Organisation.

In der jüngsten Krise haben die Arbeitgeber der Metall- und Elektro-Industrie im Schulterschluss mit der IG Metall genau diese Lösungskompetenz bewiesen. Die Mitgliederzuwächse der Gewerkschaft zeigen, dass die Basis den konstruktiven, pragmatischen Kurs der Führung honoriert – was sich auch in dem überragenden Wahlergebnis von 96,2 Prozent für Herrn Huber widerspiegelt, dem zweitbesten in der Geschichte der IG Metall überhaupt.

Dieses Votum sowie die bisherigen guten Erfahrungen stimmen mich hoffnungsfroh, dass auch künftig eine verantwortungsvolle Zusammenarbeit möglich ist.

Ich danke Ihnen für Ihre Aufmerksamkeit.

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