Gesamtmetall-Präsident Dr. Udo Dinglreiter warnt in der WELT vor den hohen Arbeitskosten in Deutschland und fordert von der Regierung mehr Ausgabendisziplin und Einsparungen:
Herr Dinglreiter, in dieser Woche haben führende Wirtschaftsforschungsinstitute ihre Wachstumserwartungen für dieses Jahr deutlich nach oben korrigiert. Hat die deutsche Wirtschaft die Krise durchstanden?
In der ersten Jahreshälfte ist es etwas besser geworden. Aber unsere Industrie steckt nach wie vor tief in der Krise. Schauen Sie sich an, was gerade abläuft: massiver Personalabbau mit Abfindungsprogrammen, Diskussionen über Standortschließungen, Verlagerungen von Produkten ins Ausland. Dramatisch ist dabei: Die großen internationalen Unternehmen können verlagern und große Zulieferer können mitgehen. Die kleineren Firmen dahinter können das nicht. Die bleiben auf der Strecke und sterben leise. Deswegen stehen wir weiter mit dem Rücken zur Wand.
Haben die Unternehmer ihrer Branche das Gefühl, dass die Bundesregierung in dieser Situation genug tut?
Die Reformvorhaben von Bundeskanzler Friedrich Merz sind grundsätzlich der richtige Ansatz, die Koalition hat gezeigt, dass sie ein umfassendes Paket schnüren kann. Aber jetzt ist wichtig, dass aus den Plänen auch tatsächlich Reformen werden und die ihre Wirkung entfalten. Die Lage ist ernst. Seit drei Jahren steckt die Metall- und Elektroindustrie in der Rezession, die Investitionen liegen unterhalb der Abschreibungen, viele Unternehmen erwirtschaften keine nennenswerte Rendite mehr. Seit 2019 sind über 340.000 Arbeitsplätze in unserer Industrie verloren gegangen, allein im Juni über 12.000. Das kann niemanden kalt lassen.
Reichen die Reformpakete, um das zu drehen?
Die Reformpläne adressieren in Teilen die richtigen Themen, weil sie die Sozialversicherungsbeiträge stabilisieren sollen. Aber sie enthalten keine Entlastung für die Unternehmen. Vier Rahmenbedingungen bereiten uns Probleme: hohe Energiekosten, hohe Bürokratiekosten, hohe Arbeitskosten und hohe Steuern. Den Iran-Krieg können wir nicht beenden und die chinesische Industriepolitik auch nicht. Aber das hier sind die Dinge, die wir selbst regeln können. Da muss die Bundesregierung, die schon einiges bewegt hat, mehr liefern.
Chinesische Unternehmen bauen Autos, die billiger sind als die deutschen – und oft auch besser. Wo ist unser technologischer Vorsprung geblieben?
Beim Verbrennungsmotor sind die deutschen Hersteller unangefochten an der Spitze, in der Effizienz wie in der Leistungsfähigkeit. Mit der Elektromobilität wandern große Teile der Wertschöpfung in die Batterie, und die Batterie wird maßgeblich nicht in Europa gemacht. Das ist ein Grund für den Druck. Aber ich würde unseren Unternehmen die Innovationskraft nicht absprechen. Wer sich die aktuellen Modelle anschaut, sieht: Die sind technologisch top.
In vier Tagen wird in Sachsen-Anhalt gewählt, die AfD liegt in Umfragen bei 40 Prozent. Können Sie das Wahlverhalten nachvollziehen?
Ich komme aus Bayern, wir haben diese Zahlen nicht. Für mich ist schwer verständlich, was dazu geführt hat, dass man im Osten so unzufrieden ist mit den Parteien der politischen Mitte.
Aber liegt das nicht auf der Hand? Die Leute zahlen für alles mehr – Beiträge, Steuern, Lebenshaltung. Der Staat funktioniert derweil immer schlechter. Nehmen Sie nur Themen wie Bildung, die Bahn oder Infrastruktur.
Es gibt tatsächlich Ineffizienzen im System. Der Staat nimmt rund 1.000 Milliarden Euro im Jahr an Steuern ein. Man möchte meinen, das müsste reichen, um eine funktionierende Soziale Marktwirtschaft am Laufen zu halten. Wir haben kein Einnahmeproblem, sondern eine Frage, wie effizient das Geld ausgegeben wird. Nehmen Sie die Krankenkassen: Die Beiträge steigen und wir haben mit die höchsten Ausgaben weltweit, aber nicht das beste Gesundheitssystem. Es ist schwierig, das anzugehen, weil wir in einer Empörungsgesellschaft leben. Man kann kaum noch etwas vorschlagen, ohne sofort eine breite Front gegen sich zu haben.
Die Arbeitgeber fordern selbst Ausnahmen. Die Altersteilzeit im Blockmodell etwa soll bleiben. Das ist doch auch Besitzstandswahrung.
Dazu muss ich einen Irrtum korrigieren: Das Blockmodell ist keine Frühverrentung. Wir zahlen tarifliche Aufschläge und dadurch so hohe Rentenversicherungsbeiträge, dass wir am Ende nur fünf Euro unter dem liegen, was bei voller Beitragszahlung eingezahlt würde. Aber wenn wir das Modell im Strukturwandel nicht haben, greift die Sozialauswahl. Dann trifft es bei den Kündigungen die Jüngeren. Demgegenüber befürworten wir die schnelle Abschaffung der abschlagsfreien Rente mit 63.
Höhere Beiträge bei Pflege und Gesundheit, gleichzeitig schlechtere Leistungen. Eine längere Lebensarbeitszeit, auch von den Arbeitgebern gefordert, und gleichzeitig setzen Ihre Unternehmen Zehntausende Ältere vor die Tür. Ist der Zorn der Menschen nicht berechtigt?
Ich kenne niemanden, der gerne entlässt. Die meisten unserer Unternehmen sind Mittelständler, die ihren Leuten besonders verbunden sind. Es tut sich niemand leicht. Aber Sie adressieren genau die Probleme: Man hat den Eindruck, dass den hohen Beiträgen nicht mehr die entsprechenden Leistungen gegenüberstehen. Versicherungsfremde Leistungen gehören deshalb in die Steuerfinanzierung. Die Krankenversicherung der Bürgergeldempfänger etwa wird über Beiträge bezahlt, ein Volumen von rund zwölf Milliarden Euro. Das müsste aus Steuergeldern kommen.
Das ist doch frei nach dem Motto: linke Tasche, rechte Tasche. Wenn Sie versicherungs-fremde Leistungen in den Steuerhaushalt schieben, zahlen am Ende immer noch Arbeitnehmer und Unternehmen. Also konkret: Was soll wegfallen?
Wir geben 1,43 Billionen Euro im Sozialbereich aus, davon 970 Milliarden aus Beiträgen und fast 500 Milliarden aus Steuern. Ein Beitragssatzpunkt sind zirka 20 Milliarden Euro. Um von 42 auf 40 Prozent Gesamtsozialversicherungsbeitrag zu kommen, müssen wir 40 Milliarden einsparen. Die Bezugsdauer des Arbeitslosengeldes auf zwölf Monate zu verkürzen, würde drei Milliarden bringen. Ineffizienzen in den Systemen müssen aufgedeckt und abgeschafft werden, Ausgaben, die den gewünschten Effekt nachweislich nicht erzielen, gehören auf den Prüfstand. Alles, was die geplante Wirkung nicht erzielt, kann eingespart werden. Das ist besonders im Gesundheitswesen der Fall, wo Einsparungen auch und gerade bei den Leistungserbringern unvermeidbar sind.
Warum fordern Sie nicht konkrete Sparmaßnahmen und kämpfen dafür?
Weil genau darin die Gefahr liegt. Wenn wir zwei Maßnahmen nennen, heißt es hinterher: Die haben wir gemacht, jetzt muss es besser werden. Das ist Unsinn. Es müssen 40 bis 50 Milliarden im System eingespart werden, damit wir auf 40 Prozent kommen. Das ist aus unserer Sicht in Anbetracht des Gesamtvolumens machbar. Aber so wie bisher kann es nicht weitergehen. Wir können die besten Autos bauen, aber die kauft keiner mehr, wenn sie zu teuer werden.
Braucht Europa Zölle gegen chinesische Produkte, so wie es gerade diskutiert wird?
Wir sind ein stark exportorientiertes Land. Wer zu stark beschränkt, ruft Gegenmaßnahmen hervor, die uns mehr schaden als nutzen. Dort, wo Dumping passiert, wo mit staatlicher Unterstützung wettbewerbsverzerrende Preise aufgerufen werden, muss man mit Augenmaß gegenhalten. Aber wer die Mauer hochzieht, wird hinter der Mauer weniger wettbewerbsfähig, weil er sich dem Wettbewerb nicht mehr stellt. Die Amerikaner werden in einigen Jahren sehen, dass ihre Industrie schwächer geworden ist. Das wird ein Ergebnis von Amerikas Zollpolitik sein.
Kommen die Industriearbeitsplätze, die jetzt verlorengehen, jemals zurück?
Die Vergangenheit zeigt: in der Regel nicht. Schauen Sie sich die Textilindustrie an. Deswegen dränge ich so darauf, den Trend zu stoppen. Wir bleiben ein Hochpreisland, daran wird sich nichts ändern. Aber wenn es gelingt, die Kosten zu senken, können wir unsere Wettbewerbsfähigkeit verbessern, um wieder mehr in Deutschland zu produzieren.
Trotz Stellenabbau klagen Ihre Verbände über Fachkräftemangel. Wen suchen die Firmen gerade?
Das ist sehr unterschiedlich. Die Rüstungsbranche sucht quer über alle Bereiche. Andere, die unter Druck stehen, haben das Problem momentan nicht so sehr. Sobald wir uns halbwegs erholt haben, werden wir absehbar wieder einen Fachkräftemangel haben. Sehr viel wird sich im KI-Bereich abspielen. Dafür braucht man Ingenieure, Programmierer und Softwarespezialisten.
Gerhard Schröder hat unter dem Druck der Verhältnisse die größten Sozialreformen seit Jahrzehnten durchgesetzt. War er mutiger als diese Regierung?
Die Geschichte zeigt, dass Schröders Politik unmittelbar erfolgreich war. Deutschland galt damals als der „kranke Mann Europas“, hinterher waren wir die wirtschaftliche Lokomotive. Was Schröder getan hat, war richtig, aber einfach war es für ihn sicher nicht.