Auslandsproduktion und Auslandsinvestitionen

Auslandsproduktion und Auslandsinvestitionen

Auslandsproduktion und Auslandsinvestitionen

Auslandsproduktion und Auslandsinvestitionen

Foto: Gesamtmetall

Auf den ersten Blick entwickelt sich die Metall- und Elektro-Industrie (M+E-Industrie) in Deutschland positiv, wie es steigende Werte bei Beschäftigung, Umsätzen und Bruttowertschöpfung ausweisen. Im Jahr 2014 waren 250.000 Beschäftigte mehr in der M+E-Industrie tätig als noch 1995. Die M+E-Industrie hat die Chancen der Globalisierung genutzt und weltweit Märkte erschlossen. Ihr Exportanteil stieg von 1995 bis 2014 von 39 auf 55 Prozent. Die M+E-Industrie musste erhebliche Anpassungslasten in der Krise von 2008/09 tragen. Die Beschäftigung hat sich danach schnell wieder erholt und wächst weiterhin dynamisch. Was auffällt: Umsatz und Bruttowertschöpfung erreichten zwar wieder das Vorkrisenniveau, konnten aber nicht an die alte Dynamik anknüpfen.

Die Zukunft der Produktion in Deutschland hängt von ausreichenden Investitionen in den Standort ab. Der Kapitalstock der M+E-Industrie im Inland wächst. Allerdings wird dieses positive Bild stark durch den Automobilbau geprägt. Ohne Automobilbau ist der Kapitalstock der M+E-Industrie seit dem Jahr 2002 (mit Ausnahme 2007/08) rückläufig. Der Kapitalstock setzt sich aus den Ausrüstungen und sonstigen Anlagen wie zum Beispiel Patente sowie aus Bauten zusammen. Bei den Ausrüstungen und sonstigen Anlagen zeigt sich das gleiche zweigeteilte Bild wie bei den Anlagen insgesamt: Die Automobilindustrie legt deutlich zu, in der übrigen M+E-Industrie ist seit dem Jahr 2000 eher eine Seitwärtsbewegung zu verzeichnen. Der in Bauten gebundene Kapitalstock ist in der gesamten M+E-Industrie seit Anfang der 1990er-Jahre rückläufig. Gleichzeitig sind die verbliebenen Bauten aber offenbar moderner, und vieles spricht dafür, dass die Produktion der M+E-Industrie heute weniger flächenintensiv ist als noch in den 1990er-Jahren.

Während im Inland in den meisten Branchen der M+E-Industrie der Ausbau des Kapitalstocks unterbleibt, nutzen die M+E-Unternehmen ihre Möglichkeiten, im Ausland Produktionskapazitäten weiter aufzubauen. Die Direktinvestitionsbestände im Ausland haben sich deutlich dynamischer entwickelt als das nominale Bruttoanlagevermögen im Inland. Der Bestand an Direktinvestitionen in der ausländischen M+E-Wirtschaft legte von 1995 bis 2012 von 37 Milliarden Euro auf rund 204 Milliarden Euro zu, eine Steigerung um gut 450 Prozent. Im Inland wuchs das nominale Bruttoanlagevermögen von 646 Milliarden Euro auf 882 Milliarden Euro, eine Steigerung um knapp 37 Prozent. Das Ausland dürfte somit stark zur nachlassenden Dynamik bei der Kapitalstockentwicklung im Inland beigetragen haben, indem immer mehr Investitionen im Ausland statt im Inland getätigt werden. Allerdings liefern die amtlichen Daten nur einen ersten Anhaltspunkt. Daher sind diese Ergebnisse in der vorliegenden Studie um eine originäre Empirie ergänzt worden, unter anderem durch eine Befragung von über 600 Unternehmen der M+E-Industrie. In den Befragungsergebnissen bestätigt sich das Bild aus der amtlichen Statistik. Der Anteil der im Ausland getätigten Investitionen steigt. Bereits heute tätigen die Unternehmen gut 20 Prozent ihrer Investitionen in Produktionskapazitäten im Ausland, in fünf Jahren sollen es bereits 24 Prozent sein. Je größer das Unternehmen, desto höher ist der Anteil des Auslands an den Gesamtinvestitionen in die Produktion. In den Unternehmen ab 500 Beschäftigten entfällt bereits ein gutes Drittel der Investitionen auf das Ausland. Entsprechend wachsen die Auslandskapazitäten dynamischer als die Inlandskapazitäten, ein immer größerer Anteil der Produktionskapazitäten findet sich im Ausland. Zudem strebt die M+E-Industrie im Ausland häufiger eine Kapazitätsausweitung an, während im Inland Effizienzsteigerungen und Kosteneinsparungen als Motiv stärker ausgeprägt sind. Hierin spiegelt sich die Seitwärtsbewegung im Inland wider.

Gleiches gilt für die Auslandsgewinne. Diese machen in den Unternehmen der M+E-Industrie einen immer höheren Anteil aus. Im Schnitt erwirtschaften die Unternehmen bereits heute 20 Prozent ihres Gesamtgewinns durch ihre Betriebe und Beteiligungen im Ausland, in fünf Jahren werden es nach Einschätzung der Unternehmen rund 24 Prozent sein, in den großen Unternehmen ab 500 Beschäftigten sogar 36 Prozent. Werden nur diejenigen Unternehmen mit Auslandsproduktion betrachtet, fällt der Rückgang noch stärker aus: Demnach sank der Anteil der Inlandsgewinne am Gesamtgewinn in Unternehmen mit Auslandsproduktion: von 70,3 Prozent vor fünf Jahren auf 64,1 Prozent. In fünf Jahren erwarten diese Unternehmen noch einen Inlandsgewinnanteil von 59,5 Prozent.

Zwei wesentliche Gründe sprechen in der M+E-Industrie für den Gang ins Ausland: an erster Stelle günstigere Kosten als in Deutschland (38 Prozent) und zweitens der Marktzugang in den Zielländern (28 Prozent). Die beiden Gründe können mit unterschiedlichen Auswirkungen für den Inlandsstandort verbunden sein: Während Kostenmotive den Standort Deutschland eher infrage stellen, kann der Zugang zu neuen Märkten den heimischen Standort weiter stärken. Die Ergebnisse der Unternehmensbefragung zeigen, dass in 45 Prozent der M+E-Unternehmen die Auslandsproduktion die Inlandsproduktion derzeit ergänzt und somit ohne Auswirkung bleibt. 23 Prozent der Auslandsproduktion haben eine positive Wirkung, indem sie die Inlandsproduktion sichern. Immerhin 31 Prozent der Auslandsproduktion ersetzt bereits heute die Inlandsproduktion. Der Druck auf die Inlandsproduktion steigt: Die M+E-Industrie erwartet, dass in fünf Jahren gut 40 Prozent der Auslandsproduktion die Produktion im Inland ersetzen werden. Ein immer höherer Anteil der Auslandsproduktion nimmt somit ersetzenden Charakter an und gefährdet die Produktion am Standort Deutschland.

Einfache Tätigkeiten stehen bereits heute unter Druck, ihr Anteil in der Produktion in Deutschland ist rückläufig. Besonders hoch ist der Druck in den größeren Unternehmen der M+E-Industrie, die am häufigsten im Ausland produzieren. Hauptgrund für diesen Rückgang ist die stärkere Automatisierung dieser Tätigkeiten, die in fast jedem dritten M+E-Unternehmen zur Verdrängung einfacher Tätigkeiten geführt hat. Gleichzeitig weicht mehr als jedes sechste größere Unternehmen mit einfacheren Tätigkeiten auf seine Auslandsstandorte aus. Angesichts des Ausbaus dieser Standorte dürfte der Druck auf die einfachen Tätigkeiten steigen.

Die hohe Bedeutung des Kostenmotivs für den Gang ins Ausland schlägt sich in der Personalintensität der Auslandsstandorte nieder. Angesichts der hohen Arbeitskosten in Deutschland werden an den Auslandsstandorten häufig personalintensivere Tätigkeiten angesiedelt. In gut zwei Dritteln der Unternehmen mit Auslandsstandorten liegt die Personalintensität im Ausland höher als im Inland.

Gleichzeitig hat sich die Produktion in Deutschland deutlich verändert, wie ein Blick auf die vergangenen zehn Jahre zeigt. Die Automatisierung ist in der M+E-Industrie stark fortgeschritten. Dabei ist die M+E-Industrie heute flexibler als noch vor zehn Jahren. Dazu haben die Tarifverträge, die Zeitarbeit und weitere flexible Beschäftigungsformen beigetragen. Die M+E-Unternehmen können damit deutlich flexibler auf Auftragsschwankungen reagieren. Hinzu kommen Einkäufe im Ausland sowie der Einsatz von Teilen aus der eigenen Auslandsproduktion, die per Saldo jedes dritte Unternehmen ab 100 Beschäftigten heute häufiger nutzt als vor zehn Jahren. Ohne diese Veränderungen in der heimischen Produktion wäre die positive Entwicklung in der deutschen M+E-Industrie kaum denkbar.

Deutschland ist und bleibt ein Hochlohnstandort. Neben der Aufgabe, die Lohnkostendifferenz zu ausländischen Standorten zu begrenzen, ist es für die Zukunft des Produktionsstandorts Deutschland entscheidend, welche Faktoren das hohe Lohnkostenniveau kompensieren können. Dazu haben die Unternehmen der M+E-Industrie im IW-Zukunftspanel eine Vielzahl von Faktoren hinsichtlich ihrer Bedeutung bewertet, trotz hoher Lohnkosten in Deutschland und nicht im Ausland zu investieren. Die Produktivität steht unabhängig von der Größenklasse in der M+E-Industrie an erster Stelle. Zu den weiteren wichtigsten Gründen, nicht im Ausland zu investieren, zählen die Rechtssicherheit, die Verfügbarkeit von Fachkräften, der Zugang zu Forschung und Entwicklung sowie die Nähe zu relevanten Abnehmern. Diese Faktoren bieten Ansatzpunkte für die Politik, den Standort Deutschland für die M+E-Industrie wieder attraktiver zu machen, damit zukünftig wieder mehr Investitionen in Deutschland getätigt werden.

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