Strukturwandel

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Foto: Gesamtmetall

Die M+E-Industrie spielt eine zentrale Rolle in der deutschen Industrie und der deutschen Wirtschaft insgesamt. Dies lässt sich für alle wesentlichen Kennziffern zur Messung der wirtschaftlichen Aktivität zeigen.

Sie entwickelte sich im Jahr 2015 trotz eines verhaltenen Produktionswachstums (+0,6 Prozent) dynamischer als die Industrie insgesamt. Sie setzt damit den Trend der letzten Jahre fort. Auch im Rückblick bis 2010 übertreffen die Zuwächse bei Umsätzen, Auslandsumsätzen, Beschäftigten und Entgelten in der M+E-Industrie die Entwicklung in der Industrie insgesamt.

Die positive Entwicklung der M+E-Industrie im Inland hängt eng mit ihrer internationalen Wettbewerbsfähigkeit zusammen. Diese zeigt sich bei den inländischen Kennziffern an überdurchschnittlich wachsenden Auslandsumsätzen – sowohl im Vergleich zu anderen Industriebranchen als auch im Vergleich zu den Inlandsumsätzen – und an den hohen Beiträgen der M+E-Industrie zu den Exporten. Gefährdet wird die Wettbewerbsfähigkeit allerdings durch zuletzt wieder spürbar steigende Lohnstückkosten.

Von wesentlicher Bedeutung für die überdurchschnittliche Leistung der deutschen M+E-Wirtschaft sind strukturelle Vorteile und Stärken, welche sie im nationalen und internationalen Vergleich bei wichtigen Wettbewerbseigenschaften aufweist.

Die Digitalisierung stellt einen Megatrend dar, von dem große wirtschaftliche Impulse erwartet werden. Verschiedene Studien deuten auf eine zusätzliche Produktion von rund 150 Milliarden Euro für die deutsche Industrie in den nächsten fünf bis zehn Jahren hin. Gleichzeitig bedeutet die Digitalisierung auch einen Wandel der Organisation von Wertschöpfungsprozessen, der Gewinner und Verlierer produzieren wird.

Die Produktivität der deutschen M+E-Wirtschaft ist im Branchenvergleich weit überdurchschnittlich. Diese Leistung resultiert auch aus der langfristigen Entwicklung seit 1991. So wuchs die nominelle Arbeitsproduktivität in der M+E-Wirtschaft zwischen 1991 und 2014 um 111 Prozent, im Sonstigen Verarbeitenden Gewerbe jedoch nur um rund 86 Prozent und in der Gesamtwirtschaft um rund 66 Prozent. Besonders gut entwickelten sich in dieser Zeit der Fahrzeugbau (+246 Prozent) und der Maschinenbau (+230 Prozent) – Branchen, die sich auch im internationalen Vergleich besonders gut behaupten. Beide waren im Jahr 2014 Weltmarktführer in ihren Bereichen.

Die Entwicklung der Produktivität am aktuellen Rand gibt allerdings Anlass zur Sorge. Seit dem Jahr 2011 ist eine Seitwärtsbewegung zu beobachten, in der die Produktivität nominell kaum zunahm und in realer Rechnung sogar abnahm. Im M+E-Strukturbericht 2016 wird daher ein besonderes Augenmerk auf die Produktivitätsentwicklung in der deutschen M+E-Wirtschaft und auf deren wichtigste Einflussgrößen gerichtet: die Bruttowertschöpfung (BWS) und die Zahl der Erwerbstätigen (ET) als definitorische Elemente der Arbeitsproduktivität (AP) sowie die Vorleistungen aus dem In- und Ausland und der Kapitalstock.

Die Produktivitätsentwicklung seit dem Jahr 1991 lässt sich auf Basis der Untersuchung in fünf Phasen unterteilen. Zwischen den Jahren 1991 und 1996 wurden Produktivitätsgewinne in hohem Maße durch die Verringerung der Erwerbstätigen und steigende Investitionen erreicht (Phase der Entlassungsproduktivität). Daran schloss sich eine Erholungsphase an (1996–1999), in der bei leicht steigender Zahl der Erwerbstätigen Produktivitätsgewinne vor allem durch ein Wachstum der Bruttowertschöpfung, weiter steigende Investitionen und den Beginn des Anstiegs der ausländischen Vorleistungsquote erreicht wurden.

Zu Beginn des neuen Jahrtausends (1999–2006) resultierten die Zuwächse in der Produktivität zu großen Teilen aus dem Offshoring, messbar an einer ausgeprägten Zunahme der importierten Vorleistungen. Dies geschah zu einer Zeit, in der die Integration der Transformationswirtschaften in Mittel- und Osteuropa schnelle Fortschritte machte. Auch in dieser Phase nahm die Zahl der inländischen Erwerbstätigen ab. Es schließt sich eine Phase an, die hier als "Achterbahn" bezeichnet werden soll und für die Periode 2006–2011 definiert wird. In sie fällt auch die Wirtschafts- und Finanzkrise von 2008/2009. Starke nachfragebedingte Ausschläge der Bruttowertschöpfung gingen einher mit einer relativ hohen Konstanz der Zahl der Erwerbstätigen und unklaren Bewegungen der anderen Indikatoren. Die Achterbahnphase wird von der Phase der Neuausrichtung abgelöst, die bis in die heutigen Tage dauert. Beschäftigungsaufbau lässt die Zahl der Erwerbstätigen relativ stark steigen, während die Bruttowertschöpfung sich vergleichsweise langsam entwickelt. In realer Rechnung lag die (für das Jahr 2015 geschätzte) Produktivität niedriger als im Jahr 2011. Die Vorleistungsquote sinkt gleichzeitig, während die Investitionen lahmen. Diese Entwicklung geht einher mit einem Anstieg der Lohnstückkosten.

Als Gründe für die schwache Produktivitätsentwicklung in den letzten Jahren werden verschiedene Hypothesen diskutiert, die eine Neuausrichtung der M+E-Wirtschaft in Deutschland beeinflussen:

  • Der anhaltende Fachkräftemangel setzt Anreize zur Personalhortung in den Unternehmen. Die Unternehmen reagieren demnach auf eine geringere Auslastung der Personalkapazitäten weniger schnell als in der Vergangenheit mit Maßnahmen auf der Personalseite (Reduzierung der Rekrutierung oder Entlassungen), weil Neueinstellungen bei einem Wiederanstieg der Auslastung zu schwierig oder teuer sind.
  • Die deutsche M+E-Wirtschaft ist seit Jahren zunehmend im Ausland aktiv. Vieles spricht dabei für eine zunehmende Komplexität des Auslandsgeschäfts. Befragungsdaten zeigen, dass die Ergänzung oder der Ersatz von Teilen der heimischen Produktion durch Produktion im Ausland vielfach durch einen Ausbau von zentralen Unternehmensfunktionen (zum Beispiel Management, Steuerung, FuE-Aktivitäten) im Inland begleitet werden. Statistisch schlägt sich dies in einem hohen, relativ unproduktiven Personaleinsatz im Inland nieder.
  • Die Digitalisierung erhöht den Personaleinsatz, weil neue Mitarbeiter benötigt werden, die die digitale Transformation vorantreiben. Der Investitionscharakter dieses Vorgangs führt dazu, dass die Kosten für das Personal schon heute, die Erträge in Form höherer Produktivität aber erst in Zukunft anfallen.
  • Nachlassende Innovationsaktivitäten können die Produktivität längerfristig negativ beeinflussen. Fallende Weltmarktanteile der deutschen M+E-Wirtschaft bei Patenten sind ein Indikator für eine verringerte Innovationsdynamik.

Impulse für die Produktivität der Zukunft können in begrenztem Maß aus einer weiteren Automatisierung der Produktion entstehen. Dazu trägt die Digitalisierung der Wirtschaft bei. Nimmt der Anteil einfacher Tätigkeiten am Standort Deutschland durch Automatisierung und zunehmende Auslandsproduktion weiter ab, wird dies zu einem Anstieg der Produktivität der in Deutschland verbleibenden Tätigkeiten führen. Die derzeitige Investitionsschwäche und die nachlassende Patentaktivität belasten den Ausblick. Verlässliche Rahmenbedingungen für Investitionen bei Bürokratie und Kosten und neue Innovationsimpulse, etwa durch eine steuerliche FuEFörderung, könnten die Perspektiven hier verbessern.

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