Zum Inhalt springen

„Das Gesetz darf nicht in dieser Form kommen“

Arbeitszeit modernisieren

Die Bundesregierung will den Achtstundentag reformieren. Gesamtmetall-Hauptgeschäftsführer Oliver Zander hält im Interview mit The Pioneer einen ersten Entwurf aus dem Hause von Bärbel Bas für nicht umsetzbar, ein Scheitern der Reform für möglich – und die Vertrauensarbeitszeit für ein Gebot der Stunde.

Herr Zander, im Koali­ti­ons­ver­trag steht, dass die tägliche Höchst­a­r­beits­zeit der wöchent­li­chen weichen muss. Ein erster Entwurf aus dem Arbeits­mi­nis­te­rium liegt vor. Sind Sie zufrieden, was Sie lesen?

Nein, denn die Wochen­a­r­beits­zeit soll nur für Betriebe mit Tarif­ver­trägen gelten. Viele Betriebe sind aber nicht tarif­ge­bunden und brauchen mehr Flexi­bi­lität, um die neuen Heraus­for­de­rungen zu bewäl­tigen.

Sie hoffen also, dass das Gesetz nicht kommt?

Es darf nicht in dieser Form kommen. Denn die Ideen aus dem Haus von Arbeits­mi­nis­terin Bärbel Bas wider­spre­chen dem Geist und Text des Koali­ti­ons­ver­trags.

Dort steht: Die Regierung wolle „die Möglich­keit einer wöchent­li­chen anstatt einer täglichen Höchst­a­r­beits­zeit schaffen“. Das Bas-Gesetz sähe das vor…

Aber eben unter der Bedingung der Tarif­ge­bun­den­heit, was der Koali­ti­ons­ver­trag gar nicht vorsieht. Auch soll die Neure­ge­lung ja im Einklang mit der EU-Arbeits­zei­tricht­linie erfolgen. Diese besagt, dass die durch­schnitt­liche Arbeits­zeit 48 Stunden pro Woche nicht über­schreiten darf. Damit könnten wir sehr gut leben, denn es geht um eine flexi­blere Vertei­lung der Arbeits­zeit und keine Auswei­tung. Für alle Betriebe. Minis­terin Bas hat sich leider an früheren Plänen aus dem BMAS orien­tiert.

Wie meinen Sie das?

Das SPD-geführte Arbeits­mi­nis­te­rium hat aus einem alten Entwurfs­text der Ampel­re­gie­rung zur Neure­ge­lung der Arbeits­zeiten einen Block zur Wochen­a­r­beits­zeit eins zu eins heraus­ko­piert. Dieser Passus zu den Ausnahmen vom Acht­stun­dentag ist reine Provo­ka­tion gegenüber der Union. Markus Söder hat gesagt: So nicht.

Wird denn das Gesetz zur Neure­ge­lung der Arbeits­zeiten dann überhaupt kommen?


Der Kanzler ist vor wenigen Tagen dazu befragt worden. Er will das Thema umsetzen. Der Geset­ze­s­ent­wurf aus dem Hause Bas erlaubt die Wochen­a­r­beits­zeit nur für die tarif­ge­bun­denen Unter­nehmen, aber die haben das ja schon in ihren Tarif­ver­trägen geregelt. Die Wochen­a­r­beits­zeit muss für alle Unter­nehmen in Deutschland gelten. Und zwar ohne Ausnahme.

Fühlen Sie sich im Kanzler noch gut vertreten?

Ja. Die Union hat sich im Wahlkampf für die Wochen­a­r­beits­zeit stark gemacht. Wir haben das im Wahlkampf begrüßt, weil das vernünftig ist. Ich denke, dass sich der Kanzler durch­setzt.

Warum ist die Wochen­a­r­beits­zeit statt der Tages­höchst­a­r­beits­zeit eigent­lich so wichtig?

Wir haben demo­gra­fi­schen Wandel, wir haben gar nicht mehr genug Arbeits- und Fach­kräfte. In Zeiten der Masse­n­a­r­beits­lo­sig­keit stellte sich die Frage, ob man die Arbeits­zeit reduziert und verteilt. Jetzt müsste eigent­lich jeder mehr arbeiten, damit wir als Volks­wirt­schaft in Zukunft das produ­zieren können, was wir aktuell produ­zieren. Dabei hilft auch die größere Flexi­bi­lität, die durch die Wochen­a­r­beits­zeit entsteht.

Bis 2040 werden rund 13 Millionen Erwerbs­per­sonen das gesetz­liche Rente­n­alter erreichen oder über­schreiten. Das entspricht etwa 30 Prozent der heutigen Erwerbs­per­sonen.

Wenn so viele Menschen in den Ruhestand gehen, helfen KI, Auto­ma­ti­sie­rung und Digi­ta­li­sie­rung – aber eben auch ein paar mehr Stunden von jedem Einzelnen. Sonst rutschen wir weiter ab. Die Wochen­a­r­beits­zeit soll nicht die Zahl der Stunden pro Woche erhöhen, sondern sie besser verteilen.

Der Acht­stun­dentag hat für die SPD eine histo­ri­sche Bedeutung. Können Sie verstehen, dass sich die Sozi­al­de­mo­kraten mit einer Flexi­bi­li­sie­rung so schwer tun?

Der Acht­stun­dentag ist das Ergebnis des verlo­renen Ersten Welt­kriegs. Die Soldaten kamen nach Hause, sie mussten in Arbeit. Die Arbeit­geber hatten damals Angst vor einer bolsche­wis­ti­schen Revo­lu­tion wie 1917 in Russland und haben sich mit den Gewerk­schaf­tern zusam­men­ge­setzt. Sechs Tage nach dem Waffen­still­stand, am 15.11.1918, wurde im Hotel Adlon das Stinnes-Legien-Abkommen unter­zeichnet. Auch Gesamt­me­tall – damals der Gesamt­ver­band Deutscher Metall­in­dus­tri­eller – hat als zweiter Verband unter­schrieben, zwei unserer Präsi­denten haben daran mitge­wirkt. Man einigte sich auf acht Stunden, man erkannte sich gegen­seitig an und wollte die Arbeits­be­din­gungen gemeinsam regeln. Das war die Geburts­stunde der Tarif­au­to­nomie.

Also haben Sie auch ein bisschen Verständnis für die SPD?

Die Welt dreht sich weiter. Wir können die Heraus­for­de­rungen der Zukunft nicht mit Verein­ba­rungen von vor 110 Jahren meistern. Es braucht Anpas­sungen. Wir brauchen mehr Flexi­bi­lität. Das sehen auch manche Sozi­al­de­mo­kraten so.

Der Koali­ti­ons­ver­trag will auch die Vertrau­ens­a­r­beits­zeit ohne Zeit­er­fas­sung im Einklang mit der EU-Arbeits­zei­tricht­linie weiterhin ermög­li­chen. Wie wichtig ist Ihnen das Thema?

Gegen­frage: Wollen Sie jede Minute aufschreiben, wo Sie stehen und gehen? Auf keinen Fall, oder? Deshalb ist Vertrau­ens­a­r­beits­zeit ohne Arbeits­zei­t­er­fas­sung wichtig und auch modern. Stun­den­listen passen nicht zu vielen Berufen. Selbst Beamte, Richter und Wissen­schaftler wollen nicht jede Arbeits­mi­nute aufschreiben.

Sie spielen auf die Entschei­dung des Bundes­a­r­beits­ge­richts an…

Das Bundes­a­r­beits­ge­richt hat 2022 entschieden, dass die Arbeits­zei­t­er­fas­sung für alle Unter­nehmen in Deutschland verpflich­tend sei. Ohne Ausnahme. Aber für die eigenen Rich­te­rinnen und Richter gilt das nicht. Das Bundes­a­r­beits­ge­richt bezieht sich auf seine rich­ter­liche Unab­hän­gig­keit. Das zeigt doch, dass Vertrau­ens­a­r­beits­zeit ohne Arbeits­zei­t­er­fas­sung wichtig und nötig ist.

Wie wichtig ist Vertrau­ens­a­r­beits­zeit für die Wirt­schaft?

Sehr wichtig. In der Metall- und Elektro-Industrie betrifft das circa 20 Prozent der Beschäf­tigten. Und auch in vielen anderen Branchen gilt, dass ihre Ange­stellten die Arbeits­zeit vertrau­ens­voll selbst orga­ni­sieren. Auch in der Wissen­schaft will kein Forscher Arbeits­zeiten stempeln. Man kann doch keinen Professor zwingen, aufzu­schreiben, wenn er am Sonntag nachdenkt und forscht, um den Nobel­preis zu erringen.

Ist Arbeits­zeitauf­zeich­nung denn rechtlich zwingend?

Nein, denn es gibt einen sehr guten, rechtlich fundierten Vorschlag für eine Vertrau­ens­a­r­beits­zeit ohne Arbeits­zei­t­er­fas­sung.

Wie sieht der aus?

Arbeit­nehmer und Arbeit­geber verein­baren das schlicht im Arbeits­ver­trag. Das gilt solange, bis eine Seite diese Verein­ba­rung widerruft. Dann muss aufge­zeichnet werden. Das ist unser Vorschlag. Und im Koali­ti­ons­ver­trag heißt es: Die Vertrau­ens­a­r­beits­zeit bleibt ohne Zeit­er­fas­sung im Einklang mit der EU-Arbeits­zei­tricht­linie möglich. Das muss jetzt kommen. Der Kanzler hat den Herbst genannt, darauf vertrauen wir.

Es gibt inzwi­schen Zweifel innerhalb der SPD, ob eine Neure­ge­lung des Arbeits­zeit­ge­setzes wirklich kommt…

Das mag ja sein. Aber SPD und Gewerk­schaften müssen auch erkennen, dass die Wirt­schaft mehr Flexi­bi­lität braucht. Daran messen wir die Arbeit der Union.