Gesamtmetall-Präsident Dr. Udo Dinglreiter warnt in den Zeitungen des Redaktionsnetzwerk Deutschland (RND) vor den Konsequenzen unzureichender Reformen:
Herr Dinglreiter, die Koalition hat sich auf Reformen geeinigt. Sind Sie zufrieden?
Grundsätzlich ist es gut, dass sich die Regierungskoalition ohne Streit auf ein umfassendes Reformpaket geeinigt hat. Es enthält viele sinnvolle Ansätze, die Wirkung entfalten werden. Der größte Wurf sind die Regelungen zum Bürokratieabbau. Wir werden dort spürbare Erleichterungen sehen. Auch die Änderungen beim Kündigungsschutz für Hochverdienende sind löblich. Wobei uns da eine niedrigere Gehaltsgrenze lieber gewesen wäre. Begrüßenswert ist zudem die Möglichkeit zur Befristung von Arbeitsverhältnissen. Es gibt aber auch Punkte, die deutlich hinter unseren Erwartungen geblieben sind.
Welche sind das?
Die Flexibilisierung der Arbeitszeit ist ein Kernanliegen der Arbeitgeber. Mit der wöchentlichen Höchstarbeitszeit ohne Tarifvorbehalt und der Vertrauensarbeitszeit ohne Arbeitszeitaufzeichnung sind zwei wesentliche Aspekte aber nicht im Reformpaket enthalten. Wir erwarten, dass das umgesetzt wird, was im Koalitionsvertrag steht.
Wie blicken Sie auf die Reformen bei den Steuern?
Zwiegespalten. Kleine und mittlere Einkommen werden entlastet. Gegenfinanziert wird das Ganze aber durch einen sogenannten Reichensteuersatz, der zu zwei Dritteln Personenunternehmen betrifft. Dort führen diese erhöhten Steuern dazu, dass der Investitionsspielraum eingeschränkt wird. Erkennbar ist auch, dass die Entlastung laut Experten hinter der kalten Progression zurückbleibt. Vor diesem Hintergrund hätten wir uns sicherlich mehr gewünscht. Aus unserer Sicht wäre ein Vorziehen der Körperschaftssteuersenkung ein gutes Zeichen gewesen. Man hätte auch den Solidaritätsbeitrag komplett abschaffen können.
Sie kritisieren die taggleiche Erfassung der Arbeitszeit. Aber ist es nicht so, dass die Regierung hier EU-Recht umsetzen muss?
Wir wollen die Vertrauensarbeitszeit erhalten. Aber ohne Arbeitszeitaufzeichnung. Das ist nach unserer Interpretation der europäischen Rechtsprechung zulässig und so steht es auch im Koalitionsvertrag.
Wie blicken Sie denn, Stichwort Vertrauen, auf die Neuregelung bei der Krankschreibung?
Wir haben objektiv gesehen in Deutschland ein Problem mit dem hohen Krankenstand. Es ist deshalb richtig, die telefonische Krankschreibung abzuschaffen. Ob eine Krankmeldung ab dem ersten Tag Wirkung entfaltet, bleibt abzuwarten. Zumal es in Unternehmen dazu häufig andere Regelungen gibt. Etwas gegen Missbrauch zu tun ist, ist allerdings mit Sicherheit der richtige Ansatz. Ich bin überzeugt, dass wir uns dem Thema auch innerbetrieblich stellen müssen.
Ihr Verband warnt regelmäßig vor Jobabbau. Studien sprechen von zehntausenden Stellen, die bereits weggefallen sind und noch wegfallen werden. Gerade erst kamen wieder schlechte Nachrichten von VW. Können die Reformen das abbremsen?
Wir haben seit Corona etwa 320.000 Arbeitsplätze in der Metall- und Elektro-Industrie verloren. Allein im April waren es deutlich mehr als 15.000. Die derzeitige Auslastung in den Unternehmen ist mit 79 Prozent deutlich unter dem Durchschnitt und wenn man die Auslastungsdifferenz hochrechnen würde, dann kommen weitere Hunderttausende Arbeitsplätze dazu. Das ist hochdramatisch und das kann niemanden ruhig schlafen lassen.
Wie ist das in den Griff zu bekommen?
Indem man die Wettbewerbsfähigkeit erhöht. Heute passiert Folgendes: Die international tätigen Industrieunternehmen überlegen sich sehr genau, wo sie in Zukunft ihre Wertschöpfungsketten lokalisieren. Weil sie international aktiv sind, haben sie die Möglichkeit, Produktion zu verlagern. Wenn es sich in Deutschland nicht mehr rechnet und man hier Geld verliert, geht man ins Ausland. Dramatisch ist, dass diese Verlagerung mittlerweile auch die Wissensbereiche erfasst – und üblicherweise folgt die Produktion dem Wissensbereich. Die Ebene dahinter, die nicht verlagern kann, die stirbt einen leisen Tod.
Sie meinen die kleineren und mittelständischen Unternehmen?
Ja, und das führt natürlich zu weiterem Arbeitsplatzabbau. Das kann uns alle nicht ruhig lassen. Wem es ein Anliegen ist, den Arbeitsplatzabbau zu stoppen, der muss für mehr Wettbewerbsfähigkeit sorgen und vier Punkte wirkungsvoll angreifen: die Energiekosten, die Arbeitskosten, die Bürokratiekosten und die Steuern.
Es gibt den Industriestrompreis. Hilft das der Industrie oder muss seitens der Regierung nachgelegt werden?
Die Situation ist nicht homogen, um das offen zu sagen. Die Energiepreise betreffen nicht jedes Unternehmen im gleichen Ausmaß. Aber für eine Gießerei beispielsweise sind die Energiekosten ein großes Problem, in diesen Bereichen kommt noch viel zu wenig an. Es geht insgesamt in die richtige Richtung. Aber es muss für Unternehmen, für die Energie ein lebenswichtiger Faktor ist, noch mehr passieren.
Also ein besserer Industriestrompreis?
Mittel- und langfristig muss das über das Angebot gesteuert werden und nicht über Subventionen.
Die Bundesregierung begründet viele ihrer Maßnahmen, etwa die extrem hohe Neuverschuldung, mit den geopolitischen Herausforderungen. Sie hingegen sagten kürzlich, internationale Krisen dürften nicht als Ausrede herhalten. Dringen Sie damit beim Kanzler durch?
Natürlich treffen die Krisen unsere exportorientierte Wirtschaft. Aber auch alle anderen europäischen Länder sind von diesen Krisen betroffen. Doch die derzeitige Rezessionsphase gibt es nur bei uns. Was ich also sagen will, ist: Wir dürfen nicht aufhören, unsere eigenen Hausaufgaben zu machen. Damit bin ich wieder beim Reformpaket. Wir begrüßen die Maßnahmen, aber es muss noch weitergeführt werden, sodass wir die Wettbewerbsbedingungen im eigenen Land verbessern und uns nicht langfristig vom Wachstumspfad entkoppeln.
Ausgerechnet die Rüstungsindustrie steht wegen der Krisen gut da. Hat der Schub durch die Aufrüstung das Potenzial, den Stellenabbau an anderen Stellen zu kompensieren?
In die Verteidigungsindustrie wird gerade sehr viel investiert, wir begrüßen das. Für einige Unternehmen ist das in der Tat ein Ausgleich zu starken Einbußen in anderen Geschäftsbereichen. Aber das reicht für eine Kompensation nicht aus, dafür ist das Volumen viel zu klein. Die Schrumpfungen in der Automobilbranche und im klassischen Maschinenbau lassen sich so nicht auffangen.
Hm, das klingt wenig optimistisch.
Die Lage ist nicht hoffnungslos, ich möchte da nicht falsch herüberkommen. Wir haben eine hohe Innovationskraft in unseren Unternehmen. Um diese Kraft in marktfähige Produkte und Dienstleistungen zu überführen, braucht es Investitionen. Und dafür wiederum benötigen die Unternehmen eine spürbare Entlastung, damit sie sich diese Zukunftsinvestitionen auch leisten können. In unserer Branche wird gerade weniger investiert, als abgeschrieben wird. Das führt zu einer Veralterung der Produktionsanlagen und damit mittelfristig zu einer Verschlechterung der Wettbewerbsfähigkeit. Um eine Trendumkehr hinzubekommen, müssen die Unternehmen wieder Geld für Investitionen haben und dazu braucht es niedrigere Kosten und niedrigere Steuern.
Wie kommt die Branche mit den Sozialversicherungsbeiträgen klar?
Grundsätzlich begrüßen wir den Einstieg in die kapitalgedeckte Altersversicherung. Aber die geplante Zwei-Prozent-Beteiligung für Arbeitgeber und Arbeitnehmer stellt am Ende eine Beitragssteigerung dar. Da stehen um die 40 Milliarden Euro im Raum. Bei der Krankenversicherung trifft die Anhebung der Beitragsbemessungsgrenze einen erheblichen Teil der Industrie-Beschäftigten: Von 3,8 Millionen Beschäftigten sind es etwa 1 Million. Das kostet Arbeitgeber und Arbeitnehmer unserer Branche rund 2,2 Milliarden Euro. Wenn wir die Arbeitskosten tatsächlich wie versprochen senken möchten, braucht es in diesen Bereichen Nachbesserung beziehungsweise zusätzliche Reformpakete, die zu einer Verringerung der Lohnzusatzkosten kommen.