Gesamtmetall-Hauptgeschäftsführer Oliver Zander fordert bei Table.Europe, dass der EU-Gipfel zur Stärkung der Wettbewerbsfähigkeit zu konkreten Maßnahmen führen muss. Die Zeit für Grundsatzpapiere sei vorbei:
Wir brauchen eine starke EU, um uns in der neuen Weltunordnung zu behaupten. Europa und Deutschland haben eine Chance, sich gegen autoritäre Regime, hegemoniale und imperialistische Tendenzen und damit in den zunehmenden wirtschaftlichen und politischen Konflikten durchzusetzen: Mit einer starken, auf das Wesentliche konzentrierten Europäischen Union. Dazu gehört mehr Wettbewerbsfähigkeit und weniger Regulierung und Bürokratie.
Bürokratieabbau findet bislang primär in Leuchtturmprojekten statt. Dieses Problem wurde von der EU-Kommission zumindest erkannt. Schon im Sommer 2024 – also vor gut eineinhalb Jahren – hat sie ihre Agenda zur Vereinfachung und zum Bürokratieabbau vorgelegt. Daraus ergaben sich zwar erste Erfolge, aber die Bilanz ist insgesamt noch zu klein und beschränkt sich zu sehr auf Leuchtturmprojekte. So wurden die EU-Vorgaben zu Sorgfaltspflichten in den Lieferketten und die Nachhaltigkeitsberichterstattungspflichten im Rahmen des sogenannten „Omnibus-I-Verfahrens“ etwas abgemildert. Zudem hat die Kommission neun weitere Vereinfachungs-Omnibusse auf den Weg gebracht, die hoffentlich bald abgeschlossen sind, weitere Omnibusse sollen folgen. Das sind gute Ansätze, ist aber bei Weitem noch nicht genug.
Sozialpolitik ist ein blinder Fleck auf EU-Vereinfachungsagenda. Hinzu kommt: Die EU hat den wichtigen Bereich der Beschäftigungs- und Sozialpolitik bislang beim Thema Entlastung komplett ignoriert. Dabei forderten die Staats- und Regierungschefs zuletzt im Oktober 2025, dass die „Agenda für Vereinfachung und bessere Rechtsetzung auf allen Ebenen sowie in allen Bereichen vorangebracht werden muss, um die Wettbewerbsfähigkeit Europas sicherzustellen“. Das wurde bisher mit Blick auf die EU-Sozialpolitik jedoch schlichtweg nicht erfüllt. Zwar hat die Kommission im November 2025 richtigerweise im „Digital-Omnibus“ wichtige Anpassungen an der Verordnung zu Künstlicher Intelligenz (dem sogenannten „AI-Act“) vorgeschlagen und will die Anwendung der Verordnung in Teilen auch nochmal verschieben. Gleichzeitig denken Teile der gleichen Behörde aber bereits laut über eine neue, zusätzliche Richtlinie zu KI und algorithmischem Management am Arbeitsplatz nach – ohne abzuwarten, was bei der Änderung des AI-Acts herauskommt. So etwas kann man sich nicht ausdenken. Und der für das Jahresende angekündigte „Quality Jobs Act“ droht, mit neuen Vorgaben unter anderem zu Telework und mobilem Arbeiten, Künstlicher Intelligenz und der Unterauftragsvergabe zur neuen Regulierungswelle zu werden. Kurzum: Die EU-Sozialpolitik ist noch immer ein blinder Fleck auf der Vereinfachungsagenda der Kommission. Das muss sich dringend ändern.
Regulierungseifer in Brüssel ist ungebremst. Und auch generell bleibt der Regulierungseifer in Brüssel nicht nur groß, sondern wächst leider sogar noch schneller an: So schlug die Kommission im vergangenen Jahr 102 neue Verordnungen und 21 neue Richtlinien vor, gleichzeitig wurden 137 sogenannte „delegierte Rechtsakte“ und 1196 Durchführungsrechtsakte verabschiedet. Letzteres ist ein neuer Rekord. Das sind ungefähr vier Rechtsakte an jedem einzelnen Kalendertag – die von den Unternehmen gelesen, analysiert und umgesetzt werden müssen. Zeit und Geld, das anderweitig viel besser investiert wären. Auch die Maßgabe der Staats- und Regierungschefs „im Hinblick auf Gesetzgebung und Regulierung Zurückhaltung“ zu zeigen, wurde also klar ignoriert, wie diese Zahlen belegen. Das ist das Gegenteil des versprochenen Bürokratieabbaus.
Gipfeltreffen am 12.02. muss zu konkretem Aktionsplan für Entlastungen führen. Die Erwartungen der Wirtschaft an das kommende Gipfeltreffen, wo sich die Staats- und Regierungschefs – auf Initiative des deutschen Bundeskanzlers – ausschließlich mit Fragen der europäischen Wettbewerbsfähigkeit beschäftigen wollen, sind daher groß. Die Prämissen sind auf dem Papier bereits alle richtig gesetzt, es ist alles gesagt. Jetzt muss es darum gehen, wie diese richtigen Ansätze auch konsequent und in der Fläche in die Tat umgesetzt werden. Denn daran hapert es – abgesehen von den genannten Leuchtturmprojekten – offenkundig noch immer. So darf gerade der „Quality Jobs Act“ schlichtweg nicht vorgelegt werden. Denn dieser wäre ein Musterbeispiel für Bürokratieaufbau statt -abbau. Kommt dieser dennoch, würde die EU stark an Glaubwürdigkeit verlieren. Daher erwarte ich von dem Gipfeltreffen konkrete Maßnahmen, damit die Wirtschaft sehr bald auch tatsächlich Entlastungen verspürt. Die Zeit für Grundsatzpapiere ist vorbei, jetzt müssen durchschlagende Taten folgen!
