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„Die Unternehmen brauchen dringend Entlastung“

Dramatische Strukturkrise

Gesamtmetall-Präsident Dr. Udo Dinglreiter fordert in der Rheinpfalz schnelle Reformen für mehr Wettbewerbsfähigkeit – trotz positiver Ansätze im Rentenpaket:

Herr Dingl­reiter, die Renten­kom­mis­sion hat am Dienstag ein ambi­tio­niertes Reform­pro­gramm vorgelegt. Auch das Gesund­heits­system soll deutlich umge­staltet werden. Bringt der Sommer jetzt die Reformen, die von der Wirt­schaft so dringend gefordert werden?

Die Unter­nehmen erwarten, dass jetzt gehandelt wird. Es liegen nun einige Vorschläge auf dem Tisch. Am Ende geht es um wett­be­werbs­fä­hige Rahmen­be­din­gungen, damit die deutsche Wirt­schaft wieder wächst. Dazu dienen Reformen, die wir dringend brauchen, damit die hohen Stand­ort­kosten reduziert werden. 

Wie bewerten Sie das Renten­paket?

Da ist viel Gutes drin. Beispiels­weise soll das Renten­ein­tritts­alter an die steigende Lebens­er­war­tung gekoppelt werden, der soge­nannte Nach­hal­tig­keits­faktor, der die Höhe der Renten­stei­ge­rungen begrenzt, soll wieder einge­setzt werden, die Möglich­keiten zur Früh­ver­ren­tung sollen wegfallen. Einiges sehe ich aber auch kritisch.

Was gefällt Ihnen denn nicht?

Grund­sätz­lich ist es erfreu­lich, dass in eine kapi­tal­ge­deckte Rente einge­stiegen werden soll. Das begrüßen wir. Aber der Beitrag beträgt dafür 2028 0,5 Prozent der Einkommen und steigt bis 2031 auf 2 Prozent, je zur Hälfte von den Beschäf­tigten und den Arbeit­ge­bern getragen. Das bedeutet, dass die Gesamt­s­o­zi­a­l­ver­si­che­rungs­bei­träge zunächst einmal steigen werden, was 2031 Mehr­kosten von insgesamt rund 40 Milli­arden Euro jährlich verur­sacht. Ich bin dafür, dass die vorge­schla­genen Maßnahmen umgesetzt werden, dass aber darauf geachtet wird, dass die Mehr­kosten an anderer Stelle kompen­siert werden. Denn die Unter­nehmen brauchen dringend Entlas­tung.

In den vergan­genen Monaten wuchsen die Zweifel, dass die Regierung noch fähig ist zu Reformen. Bekommt die Koalition doch noch die Kurve?

In der Analyse der Situation sind sich die Parteien und auch die Sozi­al­partner im Grundsatz einig. Ich hoffe, dass die Regierung stark genug ist, das, was umgesetzt werden muss, jetzt rasch anzu­pa­cken. Denn das kann nur die Regierung machen, und sie muss es jetzt auch tun.

Ihre Branche ist wie kaum eine andere von der anhal­tenden Krise betroffen. Wie lässt sich die derzei­tige Lage beschreiben?

Wir haben in der Metall- und Elektro-Industrie eine drama­ti­sche Struk­tur­krise. Im Vergleich zu 2018 ist die Produk­tion um 15 Prozent zurück­ge­gangen. Die Auslas­tung der Unter­nehmen liegt bei nur noch 79 Prozent. Seit 2019 gingen in der Branche etwa 320.000 Arbeits­plätze verloren, davon allein im April 2026 über 15.000. Die Inves­ti­ti­onen sind rück­läufig, die Netto­um­satz­ren­dite liegt im Schnitt bei 1,5 Prozent. Um es auf den Punkt zu bringen: Wir sind im dritten Jahr in Folge in der Rezession, und dafür gibt es Ursachen.

Die liegen aber nicht nur in der deutschen Innen­po­litik …

Richtig, es gibt äußere Bedin­gungen, die die Lage erschweren. Das reicht von der US-Zoll­po­litik über den Iran- und den Ukraine-Krieg bis zur Wirt­schafts­po­litik Chinas. Hier hat die Bundes­re­gie­rung wenig bis gar keinen Einfluss. Aber andere euro­pä­i­sche Länder bekommen diese Bedin­gungen auch zu spüren und stehen trotzdem besser da als wir.

Woran liegt das?

An den Rahmen­be­din­gungen, die bei uns im Land herrschen. Damit die Wirt­schaft wächst, braucht es Inno­va­ti­onen und neue Tech­no­lo­gien. Dafür sind grund­sätz­lich erst einmal die Unter­nehmen selbst zuständig, das ist deren Aufgabe. Um in Inno­va­ti­onen und neue Tech­no­lo­gien zu inves­tieren, brauchen die Unter­nehmen aber Geld. Das fehlt, weil sie es mit vier Kosten­blö­cken zu tun haben: hohe Arbeits­kosten und Sozi­a­l­ab­gaben, hohe Ener­gie­kosten, hohe Steuern, hohe Büro­kra­tie­kosten. Diese Themen müssen wir anpacken. Denn um Wachstum zu erzeugen, brauchen wir Wett­be­werbs­fä­hig­keit, und dafür müssen die Kosten sinken, und zwar auf allen vier von mir erwähnten Feldern.

Sind Sie mit dem zufrieden, was zur Senkung der Ener­gie­kosten bereits umgesetzt wurde oder noch geplant ist?

Das Wirt­schafts­mi­nis­te­rium unter­nimmt hier Einiges, aber das kommt bei vielen Unter­nehmen noch nicht ausrei­chend an. Insgesamt ist die Situation in unserer Branche dies­be­züg­lich sehr heterogen. Wir müssen auf alle Fälle dafür sorgen, dass genügend Elek­tri­zität zu günstigen Kondi­ti­onen angeboten wird. Vor allem, weil der Strom­bedarf weiter steigen wird, etwa durch KI-Rechen­zen­tren oder die Elek­tri­fi­zie­rung im Fahr­zeug­be­reich. Deshalb muss das Angebot an Strom weiter ausgebaut und zugleich dafür gesorgt werden, dass elek­tri­sche Energie preislich wett­be­werbs­fähig zur Verfügung steht. 

Sie sprechen mit vielen Unter­neh­mern, sind selbst Unter­nehmer. Was antworten Sie, wenn Sie jemand fragt, ob er in Deutschland noch inves­tieren soll?

Natürlich lohnt es sich noch, hier­zu­lande zu inves­tieren. Deutschland verfügt nach wir vor über einige positive Faktoren: ein sehr gutes Umfeld für Forschung und Inno­va­ti­onen, top ausge­bil­dete Mita­r­beiter, stabile Struk­turen. Es ist wirklich nicht alles schlecht. Aber wir müssen dafür sorgen, dass unsere Wett­be­werbs­fä­hig­keit wieder stärker wird.

An dem Punkt ist China ein großer Konkur­rent. Ihr Unter­nehmen hat vor zehn Jahren seine erste Auslands­nie­der­las­sung in China gegründet. Was machen die Chinesen besser, anders als die Deutschen und die Europäer?

Was China sehr wirkungs­voll betreibt, ist die Unter­stüt­zung der Industrie, wo insbe­son­dere die Auto­mo­bil­in­dus­trie und der Maschi­nenbau stark forciert werden. Die entspre­chenden Unter­nehmen werden massiv gefördert. Das führt dazu, dass China, das über Jahre und Jahr­zehnte vor allem ein hervor­ra­gender Absatz­markt für die deutsche Metall- und Elektro-Industrie war, inzwi­schen zu einem nennens­werten Wett­be­werber geworden ist. Das macht die Situation für uns deutlich schwie­riger.

China wird häufig vorge­worfen, diesen Wett­be­werb mit unfairen Mitteln zu betreiben. Die Stimmen werden lauter, dem Grenzen zu setzen, sei es durch Zölle oder durch einen vorge­schrie­benen Anteil von in Europa gefer­tigten Kompo­nenten. Braucht Europa ein Stück weit Protek­tio­nismus?

Deutschland ist die dritt­größte Export­na­tion weltweit. In dieser Position sollte man mit Protek­tio­nismus extrem vorsichtig umgehen. Statt­dessen geht es vor allem darum, die Bedin­gungen hier­zu­lande so zu verändern, dass wir wieder wett­be­werbs­fä­higer werden. Das schließt aber nicht aus, dass es Fälle gibt, wo extrem unfaire Bedin­gungen herrschen und wo viel­leicht auch regulativ einge­griffen werden muss.

Bis vor Kurzem galt der Fach­kräf­temangel als eines der Haupt­pro­bleme, davon ist kaum noch die Rede. Statt­dessen werden viele Beschäf­tigte entlassen oder man trennt sich ander­weitig von ihnen. Laufen die Betriebe nicht Gefahr, nicht ausrei­chend quali­fi­zierte Mita­r­beiter zu haben, wenn es wieder aufwärts geht?

Es stimmt, wir hatten vor der Krise ein noch stärkeres Fach­kräf­te­pro­blem. Das mag momentan etwas weniger drängend sein, aber das wird wieder kommen. Aber wenn Menschen derzeit frei­ge­stellt werden, geschieht das aufgrund der schwie­rigen Situation in vielen Betrieben. Das macht kein Unter­nehmer gerne, aber es ist, wenn es gemacht wird, notwendig, weil es zu wenig Aufträge und damit auch zu wenig Arbeit gibt. Diesen Trend müssen wir umkehren, die Dein­dus­tri­a­li­sie­rung muss gestoppt werden. 

Kürzlich gab es ein Treffen von Arbeit­ge­ber­ver­bänden und Gewerk­schaften mit der Bundes­re­gie­rung im Kanz­le­ramt. Zuvor gab es von den Sozi­al­part­nern Kritik, von der Politik nicht genug einbe­zogen zu werden. Fühlen Sie sich von der Politik wahr- und ernst­ge­nommen?

Ein solches Gespräch ist sinnvoll, weil es gut ist, mitein­ander zu reden. Absolut entschei­dend ist aber, dass die Politik handelt. Es darf nicht sein, dass die Politik nicht zu Entschei­dungen kommt, weil etwa die Sozi­al­partner nicht gleicher Meinung sind. Das Mandat für Entschei­dungen liegt bei der Politik, und dort müssen im Sommer Reformen geliefert werden.

Im Herbst steht die Tarif­runde für die Metall- und Elektro-Industrie an. Mit Ihnen steht erstmals jemand an der Spitze von Gesamt­me­tall, der den Flächen­tarif in seinem Unter­nehmen nicht anwendet. Was stört Sie am Flächen­ta­rif­ver­trag?

Ich bin ein großer Anhänger der Tarif­au­to­nomie. Es muss gelingen, die Attrak­ti­vität der Tarif­ver­träge zu erhöhen, damit sich wieder mehr Unter­nehmen daran binden. Flächen­ta­rif­ver­träge haben mit dazu beige­tragen, dass die Situation in der Bundes­re­pu­blik über lange Zeit sehr stabil war. Für viele Unter­nehmen ist der Flächen­tarif das Mittel der Wahl, aber er passt nicht für alle Unter­nehmen.