Bei FOCUS online erklärt Gesamtmetall-Hauptgeschäftsführer Oliver Zander, warum der Sozialstaat effizienter werden muss und weshalb es gerade im Gesundheitssystem viele Einsparmöglichkeiten gibt:
Herr Zander, wie krank ist die Metall- und Elektro-Industrie, dass Sie sich so stark für das Thema Gesundheit interessieren?
Wir befinden uns in einer Krise, wie es sie seit dem Zweiten Weltkrieg nicht in Deutschland gab. Wir haben seit 2019 320.000 Arbeitsplätze in der Metall- und Elektro-Industrie verloren. Die Betriebe leiden unter einer Unterauslastung: Normal sind 85 Prozent Auslastung, jetzt sind es 79 Prozent. Das ist rechnerisch ein Personalüberhang von noch mal 300.000 Arbeitsplätzen.
Gibt es denn keine Aussicht auf Besserung?
Wir haben allein im April über 15.000 gutbezahlte Arbeitsplätze verloren. Die Deindustrialisierung nimmt immer mehr Fahrt auf. Und unsere Mitgliedsunternehmen sehen keinen natürlichen Stopp dieser Entwicklung. Trotz Corona, Ukraine oder Iran müssen wir festhalten: Diese Krise ist hausgemacht, weil Jahrzehnte Reformen verschlafen wurden. Die Arbeitskosten sind einfach zu hoch und das hat vor allem mit den Sozialversicherungsbeiträgen zu tun.
Die Bundesregierung hat sozusagen den Sommer der Reformen angekündigt– doch gibt es gewaltige Konflikte innerhalb der Koalition. Was passiert, wenn die großen, echten Reformen ausbleiben?
Dann werden Investitionen der Unternehmen am Standort Deutschland weiter zurückgehen und sich die Verlagerung von Arbeitsplätzen weiter beschleunigen. Die Folge: Massiver Wohlstandsverlust. Das muss verhindert werden. Dafür müssen aber dringend die Arbeitskosten runter– übrigens sind das nicht die guten Löhne, sondern die exorbitanten Sozialausgaben, die Arbeitnehmer und Arbeitgeber finanzieren.
Das Gesundheitsforschungsinstitut IGES prognostiziert, dass im Jahr 2035 der Anteil der Sozialabgaben auf jeden verdienten Euro von derzeit 43,1 Prozent im Worst Case auf 53,7 Prozent steigen könnte. Sind das nicht Horrorzahlen?
Das sind realistische Zahlen, wenn der Sozialstaat nicht endlich effizienter wird. Dann beschleunigt sich die Deindustrialisierung weiter. Die Vorschläge der eingesetzten Finanzkommission für die erste Stufe der Reform der gesetzlichen Krankenversicherung sind gut und durchdacht, aber leider werden nicht alle vom Bundesgesundheitsministerium realisiert. So bleibt es ein Skandal, dass 12 Milliarden Euro jährlich für die Gesundheitsversorgung der Grundsicherungsempfänger allein von den Beitragszahlern und nicht aus dem Bundeshaushalt getragen werden müssen. Das gehört sich einfach nicht.
Gleichzeitig soll die Beitragsbemessungsgrenze in der gesetzlichen Krankenversicherung und in der sozialen Pflegeversicherung angehoben werden. Das betrifft über eine Million Beschäftigte allein in der Metall- und
Elektro-Industrie. Und das bedeutet für Unternehmen und Beschäftigte allein im Jahr 2027 eine Mehrbelastung von 2,2 Milliarden Euro.
Die GKV-Reform wurde von vielen Fachleuten gelobt. Was stört Sie noch?
Zum Beispiel, dass die kostenlose Mitversicherung von Familienangehörigen teils abgeschafft wird. Zusammen mit der Erhöhung der Beitragsbemessungsgrenzen kann das beispielsweise für einen Forschungsingenieur in der Metall- und Elektro-Industrie ab 2028 eine Mehrbelastung von über 5000 Euro bei den Arbeitskosten bedeuten.
Die vielen Vorschläge der GKV-Kommission scheinen Ihnen nicht zu genügen.
Wir haben ein Problem mit der Ineffizienz im Gesundheitswesen, und zwar massiv. Wir haben Doppelstrukturen im Facharztbereich. Auch werden oftmals zu viele unnötige Untersuchungen durchgeführt. So hat Dänemark pro eine Million Einwohner neun MRTs, wir haben 35. Und die Kostenstrukturen sind nicht in Ordnung.
Was verdient denn so eine MRT-Praxis?
Eine radiologische Praxis hatte 2023 laut Statistischem Bundesamt einen durchschnittlichen Reingewinn von 1,18 Millionen Euro, wohlgemerkt nach Abzug von 2,1 Millionen Euro Aufwendungen. Das ist eine Umsatzrendite von 35 Prozent. In der Metall- und Elektro-Industrie liegen wir gerade mal bei 1,5 Prozent.
Da Sie sich so gut auskennen: Wann amortisiert sich ein MRT? Das muss ja blitzschnell gehen.
Das Gerät kostet vielleicht 1,5 Millionen Euro. Dann können pro Stunde bis zu drei Untersuchungen durchgeführt werden, die dann mit je 500 bis 1000 Euro vergütet werden, also bis zu 36.000 Euro am Tag. Nach 100 Tagen sind es rechnerisch bis zu 3,6 Millionen Euro. Natürlich sind die Aufwendungen hoch, aber die Vergütungen sind schon enorm.
Aber Allgemeinärzte werden heute auch nicht mehr reich.
Allgemeinmedizinische Praxen erzielten 2023 laut Statistischem Bundesamt im Durchschnitt einen Reingewinn von 270.000 Euro. Hinzu kommt: Arztpraxen sind der einzige Bereich, in der IT-Kosten nicht selbst bezahlt werden müssen, sondern teilweise über Pauschalen aus den Beitragsmitteln von der Krankenversicherung erstattet werden. Das ist doch überholt. Alle anderen Wirtschaftsbetriebe müssen doch selbst ihre IT aus dem Erwirtschafteten finanzieren.
In der Politik hört man sehr widersprüchliche Signale hinsichtlich der Zahl von 93 gesetzlichen Krankenkassen. Wie sehen Sie das?
Es gibt ein gutes Beispiel für diese teuren Mehrfachstrukturen: In Deutschland müssen die Arbeitgeber den Gesamt-Sozialversicherungsbeitrag an den Beitragseinzug der zuständigen Krankenkasse des Arbeitnehmers überweisen. Das Verfahren kostet etwa 1,6 Milliarden Euro. Die Deutsche Rentenversicherung verfügt über die Daten aller Arbeitnehmer in Deutschland und könnte das zentral für die Hälfte machen. Das wurde jedoch von den Krankenkassen abgelehnt. Diese kleine Maßnahme hätte vielleicht 800 Millionen Einsparung bedeutet. Das ist viel Geld. Zumal, wenn man den Beitragszahlern gleichzeitig viele Kürzungen zumutet.
Sie führen ja zahlreiche Gespräche mit Politikern auch in der Koalition. Wie reagieren die auf Ihre Kritik?
Die Einsicht ist schon da. Alle wissen, dass die se Koalition die Reformen umsetzen muss. Insofern war ich froh über die erste Reaktion des Bundeskanzlers und der Bundesarbeitsministerin bei der Vorstellung des Berichts der Alterssicherungskommission. Alles andere hätte für mich das Ende dieser Koalition in absehbarer Zeit bedeutet. Dieses gemeinsame Vorgehen muss es jetzt auch bei den Reformen in der Kranken- und Pflegeversicherung und vor allem bei der Steuerreform geben.