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„Jede Woche ohne Reformen beschleunigt die Deindustrialisierung“

Fehlende Wettbewerbsfähigkeit

Gesamtmetall-Präsident Dr. Udo Dinglreiter erklärt im Interview mit der Passauer Neuen Presse, warum Deutschland nicht ums Sparen herumkommt und der Mittelstand oft leise stirbt:

Fast täglich kommen neue Hiobs­bot­schaften: Am Donnerstag prognos­ti­zierte die Fraun­hofer-Gesell­schaft in einer Studie, dass bis 2040 in Europa 726.000 Arbeits­plätze in der Auto­mo­bil­in­dus­trie verloren gehen. Wie ernst ist die Lage?

Wir sprechen hier nicht über eine kurz­fris­tige Delle. Seit dem Corona-Einbruch haben wir in Summe rund 320.000 Arbeits­plätze in der Metall- und Elektro-Industrie verloren. Allein im vergan­genen Jahr waren es mehr als 100.000, allein im April über 15.000. Das Drama­ti­sche ist, dass die Inves­ti­ti­onen inzwi­schen hinter den Abschrei­bungen zurück­bleiben. Es wird also weniger inves­tiert, als beste­hende Anlagen an Wert verlieren. Unter­nehmen halten sich zurück. Gleich­zeitig verlagern große Unter­nehmen Teile ihrer Wert­schöp­fung ins Ausland. Zulie­ferer folgen oft oder sie verlieren Aufträge. Und dahinter stehen viele kleinere und mittel­stän­di­sche Unter­nehmen, die nicht einfach mit verlagern können. Ich sage es bewusst deutlich: Dieser Mittel­stand stirbt oft leise.

Was unter­scheidet die aktuelle Krise von früheren Krisen?

Frühere Krisen waren häufig konjunk­tu­rell bedingt. Denken Sie an die Finanz­krise oder an Corona. Wir rechnen inzwi­schen aber mit dem dritten Rezes­si­ons­jahr in Folge. Das ist außer­ge­wöhn­lich. Gleich­zeitig werden Teile unseres Geschäfts­mo­dells direkt ange­griffen. China ist nicht mehr nur Absatz­markt oder Produk­ti­ons­s­tandort, sondern in vielen Bereichen selbst zum Wett­be­werber geworden. Das betrifft insbe­son­dere die Auto­mo­bil­in­dus­trie und den Maschi­nenbau. Wenn wir nichts tun, besteht die Gefahr einer fort­s­chrei­tenden Dein­dus­tri­a­li­sie­rung in Deutschland.

Was ist zu tun?

Wir müssen die Wett­be­werbs­fä­hig­keit wieder steigern. Das ist die entschei­dende Aufgabe. Der Weg heraus aus der Krise führt über Inves­ti­ti­onen und Inno­va­ti­onen. Dafür brauchen die Unter­nehmen jedoch die entspre­chenden Rahmen­be­din­gungen. Es gibt Faktoren, die wir kaum beein­flussen können: die Indus­trie­po­litik Chinas, die Zoll­po­litik der USA oder geopo­li­ti­sche Konflikte wie der Ukraine-Krieg. Aber es gibt auch Haus­auf­gaben, die wir selbst erledigen können.

Welche Haus­auf­gaben sind das?

Die hohen Ener­gie­kosten, die hohen Arbeits­kosten, die hohe Steu­er­be­las­tung und die Büro­kratie. Das sind die vier zentralen Punkte. Wenn wir dort besser werden, schaffen wir die Voraus­set­zungen für Inves­ti­ti­onen und Inno­va­ti­onen.

Die Bundes­re­gie­rung hat erste Reform­pa­kete auf den Weg gebracht. Sind Sie damit zufrieden?

Wir begrüßen das grund­sätz­lich und sind froh, dass die Regierung es damit geschafft hat, ohne Streit ein Reform­paket auf den Weg zu bringen. Der größte darin enthal­tende Wurf ist der Büro­kra­tie­abbau. Auch in anderen Bereichen gibt es gute Ansätze.

Wo sehen Sie möglichen Verbes­se­rungs­be­darf?

Die Stabi­li­sie­rung der Sozi­a­l­ver­si­che­rungs­bei­träge und Absenkung auf 40 Prozent muss kommen. Nehmen wir die Renten­po­litik. Wir begrüßen ausdrü­ck­lich den Einstieg in kapi­tal­ge­deckte Elemente. Gleich­zeitig stehen zusätz­liche Beiträge im Raum, die Arbeit­geber und Arbeit­nehmer gemeinsam finan­zieren sollen. In Summe reden wir über Belas­tungen in einer Größen­ord­nung von rund 40 Milli­arden Euro. Das verbes­sert die Wett­be­werbs­fä­hig­keit natürlich nicht. Deshalb müssen weitere Schritte folgen, die Unter­nehmen und Beschäf­tigte tatsäch­lich entlasten.

Woher soll das Geld dafür kommen?

Es wird an der Einnah­men­seite gedreht, um alle Ausgaben leisten zu können. Aber man muss sich ernsthaft mit Einspa­rungen ausein­an­der­setzen. Das ist eine schwie­rige Aufgabe, gar keine Frage, und da beneide ich die Politik auch nicht. Aber es kann nicht dauerhaft die Lösung sein, immer neue Belas­tungen zu schaffen. Wenn wir die Dein­dus­tri­a­li­sie­rung stoppen wollen, ist eine Stei­ge­rung der Wett­be­werbs­fä­hig­keit alter­na­tivlos. Man kann nicht immer sagen, man braucht mehr und der andere soll es zahlen.

Aber die Beun­ru­hi­gung im Land hält sich in Grenzen hält, oder?

Noch ja. Ein Grund ist sicher­lich, dass viele Beschäf­tigte der Baby­boomer-Gene­ra­tion in den Ruhestand gehen. Dadurch werden manche Entwick­lungen am Arbeits­markt überdeckt. Gleich­zeitig sieht man aber schon eine zuneh­mende Unruhe. Wenn große Unter­nehmen wie Volks­wagen heimische Werke schließen oder 100.000 Stellen streichen wollen, bleibt das nicht ohne Wirkung.

Lassen sich die Kosten überhaupt so weit senken, dass Deutschland zum Beispiel mit Ungarn mithalten kann, wo BMW, VW und zuletzt Mercedes große Produk­ti­ons­werke aufbauen?

Ja, es gibt Länder mit nied­ri­geren Arbeits­kosten – und das ist nicht komplett neu. Deutschland war immer dann erfolg­reich, wenn wir inno­va­tiver waren als andere. Unsere Stärke lag in hoch­wer­tigen Produkten, tech­no­lo­gi­scher Kompetenz und exzel­lenten Dienst­leis­tungen. Diese Stärken haben wir weiterhin. Aber wir brauchen Zeit und die richtigen Rahmen­be­din­gungen.

Vor kurzem haben Sie den Umgang mit Krank­heiten ange­spro­chen. Müssen wir fleißiger werden?

So würde ich das nicht formu­lieren. Die Menschen in Deutschland sind fleißig. Beim Thema Kran­ken­stand ist mir wichtig klar­zu­stellen: Es geht nicht um Menschen, die tatsäch­lich krank sind. Die müssen selbst­ver­ständ­lich geschützt werden. Aber wir müssen uns die Frage stellen, wie wir Miss­brauch verhin­dern können. Deshalb halte ich es für richtig, dass sich die Politik mit diesem Thema beschäf­tigt.

Was fordern Sie bei der Arbeits­zeit?

Mehr Flexi­bi­lität. Es geht bei der Umstel­lung auf eine Wochen­a­r­beits­zeit ausdrü­ck­lich nicht darum, die Wochen­a­r­beits­zeit zu erhöhen oder Beschäf­tigte stärker zu belasten. Es geht darum, moderne Arbeits­re­a­li­täten abzu­bilden. Für viele Unter­nehmen wäre eine Moder­ni­sie­rung der Rege­lungen eine echte Erleich­te­rung.

Sehen Sie positive Aspekte bei der Steu­er­re­form?

Bereits im vergan­genen Jahr wurde beschlossen, dass die Unter­nehmen ab 2028 durch die Senkung der Körper­schafts­steuer entlastet werden. Aber: Perso­nen­ge­sell­schaften werden über die Einkom­men­steuer belastet – und das sind zwei Drittel aller Unter­nehmen. Das, was da an Steuern weggeht, fehlt an Inves­ti­ti­onen.

Und Sie sprachen die Ener­gie­kosten an. Wie entschei­dend sind die im Wett­be­werb?

Für manche Unter­nehmen sind sie entschei­dend. Nicht jede Branche ist glei­cher­maßen betroffen. Aber für ener­gi­e­in­ten­sive Indus­trien kann der Ener­gie­preis über Wett­be­werbs­fä­hig­keit oder Verlust von Markt­an­teilen entscheiden. Deshalb brauchen wir lang­fristig wieder günstiger produ­zierte Energie.

Wie lassen sich Klima­schutz und Wett­be­werbs­fä­hig­keit mitein­ander verein­baren?

Klima­schutz ist wichtig, keine Frage. Wir alle wollen unseren Kindern ein lebens­wertes Land­hin­ter­lassen. Aber wir müssen aufpassen, dass die Maßnahmen nicht dazu führen, dass ganze Indus­trien verschwinden. Wenn eine Branche einmal weg ist, kommt sie meistens nicht zurück. Das sieht man in vielen Bereichen der Vergan­gen­heit. Mir geht es um die Verant­wor­tung gegenüber den kommenden Gene­ra­ti­onen. Unsere Eltern und Groß­el­tern haben einen starken Indus­tri­e­standort aufgebaut. Diesen dürfen wir nicht leicht­fertig aufs Spiel setzen.

Stoßen Sie mit Ihren Argu­menten auf offene Ohren bei Verhand­lungen mit der IG Metall?

Die nächste Tarif­runde beginnt im September. Es ist noch zu früh, eine Aussage zu treffen. Aber ich denke, beide Seiten sind sich der Aufgabe bewusst, zu konstruk­tiven Lösungen kommen zu müssen.

Wie hat sich der Wett­be­werb gegenüber China verändert?

China hat in vielen Bereichen enorm aufgeholt. Das spüren sowohl Maschi­nen­bauer als auch Auto­mo­bil­her­steller. Gleich­zeitig bin ich ein klarer Verfechter des Frei­han­dels. Die deutsche Metall- und Elektro-Industrie ist expor­t­o­ri­en­tiert und auf offene Märkte ange­wiesen. Gegen unfairen Wett­be­werb muss man sich aller­dings wehren. Wenn Anbieter nicht denselben Regeln unter­liegen wie euro­pä­i­sche Unter­nehmen, dann muss die Politik reagieren. Ein Wettlauf in Richtung Abschot­tung würde uns eher schaden als nutzen.

Was macht Ihnen trotz aller Probleme Hoffnung?

Ich sehe jeden Tag Unter­neh­me­rinnen und Unter­nehmer, die sich mit großer Energie um die Zukunft ihrer Unter­nehmen kümmern. Und ich sehe enga­gierte Mita­r­beiter, die mit Herzblut anpacken. Es gibt viele inno­va­tive Produkte, viele neue Tech­no­lo­gien und viele erfolg­reiche Neugrün­dungen. Denken Sie an Bereiche wie Aerospace, neue Ener­gie­tech­no­lo­gien oder moderne Auto­ma­ti­sie­rungs­lö­sungen. Deutschland hat enormes Potenzial.

Können Start-ups oder die erstar­kende Rüstungs­in­dus­trie die Verluste in der Auto­mo­bil­in­dus­trie kompen­sieren?

Allein sicher­lich nicht. Aber in der Kombi­na­tion aus Defence, neuen Tech­no­lo­gien, Inno­va­ti­onen im Auto­mo­bil­be­reich sowie im Maschinen- und Anla­genbau liegen Chancen. Daraus entsteht mein Opti­mismus. Aller­dings passiert das nicht von selbst. Wir müssen die Voraus­set­zungen dafür schaffen.

Wie schnell lange wird es dauern, ehe ein Turna­round geschafft wird?

Das geht nicht von heute auf morgen. Auch Reformen brauchen Zeit, bis sie sich entfalten und wirken. Aber wir müssen es angehen, denn die Dein­dus­tri­a­li­sie­rung schreitet fort. Sie wissen, wie die Prognosen sind, was an Arbeits­plätzen abgebaut wird. Sie sehen, wo andere Werke eröffnet werden. Jede Woche, jeden Monat, den wir mit Reformen warten, schreitet dieser Prozess weiter fort.

Nieder­bayern bzw. der Landkreis Passau sind in den Arbeit­ge­ber­ver­bänden in Bayern durch Wolfram Hatz aus Ruhstorf als Präsident und Sie an der Spitze von Gesamt­me­tall stark vertreten. Ein Zufall?

Ich war schon lange bei bayme vbm in München im Vorstand tätig. Als Präsident ist Wolfram Hatz eine starke Stimme für die Metall- und Elektro-Industrie. Als es darum ging, bei Gesamt­me­tall die Nachfolge zu besetzen, wurde ich gefragt. Meine Familie und die Firma haben es mir möglich gemacht, Ja sagen zu können. Und ich glaube, der nieder­baye­ri­sche Blick in Berlin schadet nicht.