Zum Inhalt springen

„Jeder Politiker sollte sich fragen, ob sein Handeln die Wettbewerbsfähigkeit stärkt.“

Standortkrise

Gesamtmetall-Präsident Dr. Udo Dinglreiter spricht im Handelsblatt-Interview über die dramatische Situation der Metall- und Elektro-Industrie und den enormen Reformdruck der Bundesregierung:

Herr Dr. Dingl­reiter, Sie sind seit Jahres­an­fang Präsident von Gesamt­me­tall und neu auf dem Berliner Parkett. Teilen Sie den Zorn vieler Wirt­schafts­ver­treter über die Bundes­re­gie­rung?

Auch ich wünsche mir deutlich mehr Geschwin­dig­keit. Die Probleme im Land sind bekannt, aber die notwen­digen, tief­grei­fenden Reformen wurden immer noch nicht umgesetzt. Das beun­ru­higt Unter­nehmer und Arbeit­nehmer. Die Menschen sehen die Notwen­dig­keit von Reformen. Sonst werden weiterhin Arbeits­plätze abgebaut, mehr Prozesse verlagert, weniger Steuern und Sozi­a­l­ab­gaben bezahlt. Das ist eine Spirale nach unten. Ich kann das Unver­ständnis nach­voll­ziehen.

Was sollte zuerst passieren?

Einzelne Punkte könnte man leicht lösen, etwa beim Liefer­ket­ten­ge­setz. Hier könnte man schnell die euro­pä­i­sche Grenze über­nehmen, wonach es nur für Unter­nehmen ab 5.000 Mita­r­bei­tern gilt. Das wäre immerhin ein Signal für Arbeit­nehmer und Arbeit­geber. Aber die Regierung tut es nicht. Jeder Politiker sollte sich in Anbe­tracht der wirt­schaft­li­chen Situation fragen, ob sein Handeln die Wett­be­werbs­fä­hig­keit des Standorts stärkt.

Bisher hatte man den Eindruck, der Kanzler und die Sozi­al­partner arbeiten nicht zusammen. Nun soll es Mitte Juni ein Treffen geben, ist das nicht über­fällig?

Mitein­ander reden ist immer besser als über­ein­ander. Aber so ein Gespräch ist nur sinnvoll, wenn alle Parteien echten Lösungs­willen haben. Wenn nicht, verlieren wir nur wertvolle Zeit, die wir leider nicht mehr haben. Es ist dringende Aufgabe der Koalition, jetzt ein Paket umzu­setzen, das die Wett­be­werbs­fä­hig­keit verbes­sert.

Gibt es wenigs­tens in Ihrer Branche Licht am Horizont?

Nein, im Gegenteil. Wir haben eine tiefe Struk­tur­krise, die zudem deutlich anders geartet ist als die Krisen der letzten Jahr­zehnte. Die Netto­in­ves­ti­ti­onen sind negativ. Die Ausrüs­tungs­in­ves­ti­ti­onen liegen unter den Abschrei­bungen. Wegen der hohen Ener­gie­kosten, Unter­neh­mens­steuern, Sozi­a­l­ab­gaben und der großen Büro­kratie wird deutlich zu wenig in Deutschland inves­tiert. Aber wenn ein Maschi­nen­park veraltet und Unter­nehmen nicht mehr genug inves­tieren, verlieren sie moderne Tech­no­lo­gien und werden immer weniger wett­be­werbs­fähig. Dann verlieren wir auch weiter Arbeits­plätze. Seit 2019 haben wir in der Metall- und Elektro-Industrie rund 300.000 Jobs abgebaut und liegen jetzt unter 3,8 Millionen, wir laufen Gefahr, weitere 300.000 zu verlieren. Das wären dann noch weniger Arbeits­plätze in der M+E-Industrie als zum tiefsten Stand nach der Wieder­ver­ei­ni­gung. Ich empfinde das schon als drama­tisch.

In einer ifo-Umfrage sagt jedes vierte Indus­trie­un­ter­nehmen, es sei auf dem Weltmarkt nicht mehr wett­be­werbs­fähig. Auch in der Metall- und Elektro-Industrie?

Das trifft die Stimmung. Es könnte gut sein, dass die Zahl in unserer Branche sogar noch höher ist.

Werden Verla­ge­rungen ins Ausland zunehmen?

Davon muss man derzeit leider ausgehen. Besonders bedenk­lich ist, dass es zunehmend auch Forschung und Entwick­lung betrifft. Wenn diese Abtei­lungen in einem anderen Land sind, entstehen dort auch die Inno­va­ti­onen und vermut­lich auch die Folgein­ves­ti­ti­onen. Das ist eine zusätz­liche Abwärts­s­pi­rale. Viele Mittel­ständler können und wollen auch gar nicht ins Ausland. Für sie ist entschei­dend, dass die Wett­be­werbs­be­din­gungen hier zumindest erträg­lich sind.

Chine­si­sche Inves­ti­ti­onen in die EU sind massiv gestiegen. Ist das eine rundum gute Nachricht?

Nicht auto­ma­tisch. Ich weiß bisher eher von Inves­ti­ti­onen außerhalb Deut­sch­lands. Vermut­lich wollen die Chinesen so EU-Zölle oder andere Hürden umgehen und direkten Zugang zum euro­pä­i­schen Markt bekommen. Für Deutschland kann das besorg­nis­er­re­gend sein: Die Arbeits­plätze entstehen nicht hier, dafür aber neue Wett­be­werber mit güns­ti­geren Kondi­ti­onen und Markt­zu­gang.

Parallel zu den Inves­ti­ti­onen legen auch Chinas Exporte in die EU deutlich zu – Ökonomen sprechen von einem neuen „China-Schock“, gerade für Ihre Branche. Muss die EU die Zoll­mauern höher ziehen oder den Zugang an Produk­tion in Europa koppeln?

Zunächst sind die Unter­nehmen selbst für attrak­tive Produkte und Leis­tungen zuständig. Inno­va­ti­onen spielen dabei eine ganz wesent­liche Rolle. Da ist Deutschland mit guten Fach­kräften und teils exzel­lenter Forschung gut aufge­stellt. Die geopo­li­ti­schen Probleme, also Kriege, Zölle, die neue Stärke Chinas, können Unter­nehmen kaum beein­flussen. Hier muss die Politik deutsche Inter­essen möglichst gut vertreten. Umso wichtiger ist es aber, dass wir unsere heimi­schen Bedin­gungen, also dieje­nigen, die wir direkt als Gesell­schaft beein­flussen können, verbes­sern: die Kosten für Energie und Arbeit sowie Steuern senken und Büro­kratie abbauen. Wenn das nicht gelingt, schreitet die Dein­dus­tri­a­li­sie­rung fort. Und Arbeits­plätze, die einmal weg sind, kommen vermut­lich nicht zurück.

Zurück zur Politik und dem Reform­paket, das die Regierung vor der Sommer­pause schnüren will. In der Union wächst die Bereit­schaft, Reiche stärker zu besteuern. Wie blicken Sie darauf?

Alle Steu­er­er­hö­hungen, die Unter­nehmen zusätz­lich belasten, sind aus unserer Sicht falsch. Denn es führt zu weniger Inves­ti­ti­onen und dazu, dass Betriebe morgen schlechter dastehen als heute.

Sollten Reiche privat nicht mehr beitragen?

Wer viel hat, muss mehr geben als der, der wenig hat. Aber die Frage ist, ob wirklich noch höhere Belas­tungen notwendig sind oder ob man nicht zuerst die Ausgaben senken kann.

Der Jobabbau kostet die Unter­nehmen enorme Summen für Abfin­dungen, allein Bosch hat dafür vier Milli­arden Euro einge­plant. Brauchen wir eine Libe­ra­li­sie­rung des Kündi­gungs­schutzes?

Grund­sätz­lich wollen wir den weiteren Arbeits­platz­ver­lust verhin­dern. Prioritär sind daher die Themen Arbeits­zeit­recht, Sozi­al­bei­träge, Unter­neh­mens­steuern, Ener­gie­kosten und Büro­kra­tie­abbau.

Bei der verspro­chenen Wochen­a­r­beits­zeit will die Arbeits­mi­nis­terin erneut einen „Dialog der Sozi­al­partner“ – sehen Sie eine Eini­gungs­mög­lich­keit?

Die Wochen­a­r­beits­zeit statt der täglichen Höchst­a­r­beits­zeit steht im Koali­ti­ons­ver­trag und muss umgesetzt werden. Das Gleiche gilt für die Absi­che­rung der Vertrau­ens­a­r­beits­zeit ohne Arbeits­zei­t­er­fas­sung. Ein neuer Dialog der Sozi­al­partner bringt aus meiner Sicht nichts, er ist schon einmal geschei­tert. Die Regierung muss, wie im Koali­ti­ons­ver­trag verspro­chen, liefern.

Wie bewerten Sie die Gesund­heits­re­form?

Sie geht in die richtige Richtung, weil sie die Beiträge stabi­li­siert. Ein Wermuts­tropfen ist die Erhöhung der Beitrags­be­mes­sungs­grenze. Das trifft in der Metall- und Elektro-Industrie eine Million Beschäf­tigte und ihre Unter­nehmen. Für unsere Industrie bedeutet das erheb­liche Mehr­be­las­tungen von rund einer Milliarde Euro pro Jahr.

Sie kriti­sieren auch die Abschaf­fung der Mitver­si­che­rung von Ehepart­nern– ist es nicht im Sinn der Wirt­schaft, wenn damit mehr Frauen zu Mehr­a­r­beit motiviert werden?

Es ist nicht auto­ma­tisch so, dass nicht arbei­tende Ehepartner wegen zwei oder drei Prozent Zusatz­bei­trag eine Arbeit aufnehmen. Oft wird einfach die Familie stärker belastet. Aus unserer Sicht sollten die Beitrags­zahler entlastet werden durch die Finan­zie­rung der Kran­ken­ver­si­che­rung von Grund­si­che­rungs­emp­fän­gern aus Steu­er­mit­teln, zumal hier einige nie in das System einbe­zahlt haben.

Im Herbst steht die Tarif­runde Ihrer Branche an. Gibt es überhaupt etwas zu verteilen?

Es wird eine sehr schwie­rige Tarif­runde, weil die Lage so ernst ist. Die Inter­essen werden hart aufein­an­der­treffen. Denn es ist nicht zu erwarten, dass sich die Lage bis dahin entspannt, eher im Gegenteil.

Sie selbst sind mit Ihrem Unter­nehmen bisher nicht tarif­ge­bunden. Chris­tiane Benner, die Chefin der IG Metall, wollte Sie über­zeugen, dem Tarif­ver­band beizu­treten. Mit Erfolg?

Wir haben gespro­chen und verein­bart, dass wir gut zusam­me­n­a­r­beiten wollen und die Situation, wie sie ist, dem nicht entge­gen­steht. Ich spreche als Gesamt­me­tall-Präsident für alle Unter­nehmen, tarif­ge­bun­dene und nicht tarif­ge­bun­dene.

Bärbel Bas will einen Akti­ons­plan für mehr Tarif­bin­dung vorlegen. Ist der über­f­lüssig?

Tarif­au­to­nomie ist ein Grund­pfeiler der Sozialen Markt­wirt­schaft, da brauchen wir keine Regu­lie­rung.