Die Industrie erleidet einen großen Stellenabbau und einen breiten Rückgang der Produktion. Diese Wirtschaftskrise sei anders, betont Gesamtmetall-Präsident Dr. Udo Dinglreiter im ZEIT-Interview. Und erklärt, an welchen vier Punkten die Politik ansetzen muss.
Herr Dinglreiter, Prognosen zufolge wächst die deutsche Wirtschaft in diesem Jahr nur um 0,5 statt 0,9 Prozent. Ist der Unterschied wirklich so schlimm?
Die Prognosen gehen ja seit Wochen immer weiter herunter. Aber selbst wenn es bei 0,5 Prozent für die Gesamtwirtschaft bliebe: Große Teile der Industrie stecken in einer tiefen Krise. Ich war gerade bei einer Rundreise durch mehrere Mitgliedsverbände. Die Stimmung ist dort katastrophal. Viele Unternehmer haben Angst, und die Beschäftigten sorgen sich um ihre Arbeitsplätze.
Yasmin Fahimi, die Chefin des Deutschen Gewerkschaftsbundes, sagte kürzlich, die Eliten in Deutschland würden zu viel jammern. Sie sollten mehr Zuversicht ausstrahlen.
Ich selbst bin von Natur aus Optimist, und natürlich gibt es in unserem Land ganz viele positive Dinge. Aber man muss doch die Fakten sehen: In der Metall- und Elektro-Industrie, die etwa zwei Drittel unserer gesamten Industrieproduktion ausmacht, sind seit 2019 schon 300.000 Arbeitsplätze verloren gegangen. Das sind 300.000 Schicksale. Und jeden Monat werden weitere 10.000 Stellen abgebaut. Die Werke sind heute zu gering ausgelastet, Tausende Jobs stehen auf der Kippe.
Aber kann sich das nicht bald wieder ändern, gehört das nicht einfach zum Auf und Ab der Konjunktur?
Diese Krise ist anders. Ich kann mich mittlerweile an einige Krisen in meinem Unternehmerleben erinnern, die Finanzkrise, die Coronapandemie. Solche Krisen trafen immer die gesamte Volkswirtschaft, waren aber auch bald überwunden. Jetzt geht es an den industriellen Kern unseres Landes, an die Automobilindustrie und ihre Zulieferer, an den Maschinen- und den Anlagenbau. Ihr Geschäftsmodell steht infrage. Außerdem hält diese Krise länger an als jede zuvor. Wir haben seit 2019 kein Wachstum mehr, die Wirtschaftsleistung verharrt fast auf dem gleichen Niveau wie vor sechs Jahren. Man sieht das bloß nicht so deutlich in den Arbeitslosenzahlen, weil viele Beschäftigte derzeit einfach in den Ruhestand gehen.
Ihr Verband spricht ja sogar von einer Deindustrialisierung. Woran machen Sie die fest?
Am Stellenabbau, am Rückgang der Produktion, wir bauen ja heute zum Beispiel dramatisch weniger Autos in Deutschland.2015 wurden in Deutschland 5,7 Millionen Autos gebaut, zehn Jahre später waren es nur noch 4,1 Millionen. Große Firmen verlagern Teile ihrer Produktion und selbst ihrer Entwicklungsabteilungen ins Ausland. Mittelständler können das nicht so leicht, die schließen, wenn sich die Produktion hier nicht mehr rechnet. Aber wenn eine Firma mit 300 oder 400 Mitarbeitern dicht macht, berichtet niemand darüber. Mittelständler sterben leise. Und noch ein Punkt, an dem man den Abbau sieht: Seit vier, fünf Jahren investieren die Unternehmen in Deutschland weniger, als nötig wäre, um die Substanz zu erhalten. Die Investitionen sind geringer als die Abschreibungen für alte Maschinen und Anlagen. Wenn das über einen längeren Zeitraum so bleibt, veraltet unsere Produktionstechnik. Das schwächt unsere Wettbewerbsfähigkeit noch weiter und verschlechtert die Aussichten für die Zukunft.
Sind wir schon zurückgefallen? Es gibt diese Geschichte von chinesischen Investoren, die kürzlich in Deutschland waren, weil sie sich für die Übernahme eines Werkes interessierten. Die sollen sich nach der Besichtigung beschwert haben, das sei ja alles veraltete Technik.
Ich habe das auch gehört, ohne dass ich den konkreten Fall kenne. Es gibt sehr junge chinesische Firmen, die mit der aller neuesten Technik Autos bauen.
Wie ließen sich die wichtigsten Ursachen für diese Deindustrialisierung bekämpfen?
Es gibt Rahmenbedingungen in der Außenwelt, auf die weder wir als Unternehmer noch unsere Politik groß Einfluss nehmen können. Da sprechen wir vom Ukrainekrieg, dem Irankrieg und den amerikanischen Zöllen. Dazu kommt, dass China mit seiner Industriepolitik jahrelang die Automobilindustrie, den Maschinenbau und die Elektroindustrie gefördert hat und dass wir jetzt in einem sehr heftigen Wettbewerb mit den so gewachsenen Unternehmen stehen. Weil es in China ein Überangebot gibt, drängen die dortigen Firmen mit ihren günstigen Preisen auch ins Ausland. Ich war erst gestern auf einer Messe für Zulieferer von Autoteilen in Mainz. Gefühlt waren die Hälfte der Aussteller Chinesen. Und bei Messen in Mexiko oder in der Türkei sieht es ähnlich aus, auch dort dominieren chinesische Anbieter.
Wie sollte Deutschland, wie sollte Europa darauf reagieren? Sich abschotten, Zölle hochziehen?
Als Exportland würde man sicher nicht für Zölle argumentieren. Ich glaube, da findet man auf Unternehmerseite kaum jemanden, der das gut findet. Wir brauchen einen Wettbewerb zu fairen Bedingungen. Darüber wird inzwischen ja auch auf Regierungsebene verhandelt. Und natürlich sind wir als Unternehmer in der Pflicht, innovative Produkte anzubieten, mit denen wir in diesem Wettbewerb erfolgreich sein können. Da sind wir in Deutschland eigentlich ganz gut aufgestellt. Wir haben hervorragend ausgebildete Facharbeiter. Wir haben immer noch eine Infrastruktur, die funktioniert. Wir haben eine zum Teil exzellente Forschungslandschaft. Und mit Freude sehe ich, dass es immer mehr Start-ups gibt. Insofern sind die Voraussetzungen gar nicht schlecht.
Aber?
Wenn Sie Innovationen in wettbewerbsfähige Produkte verwandeln wollen, müssen Sie investieren, und dafür braucht man Geld. Das ist nach drei Jahren Rezession knapp. Generell werden die Kosten zu einem Problem. Und da kommen wir zu dem Punkt, den wir, die Politik und die Sozialpartner, am besten selbst beeinflussen können: die Rahmenbedingungen in unserem eigenen Land. Es gibt vier Punkte, an denen man ansetzen muss: hohe Bürokratiekosten, hohe Energiekosten, hohe Arbeitskosten und eine hohe Steuerlast. Manche in unserem Verband nennen sie auch die vier Plagen.
Bevor wir dazu kommen: Sind die Unternehmen nicht auch selbst für die Misere verantwortlich, also etwa die Autoindustrie, weil sie Trends verschlafen haben, eben nicht innovativ waren?
Das hört man oft. Ich kenne keinen Unternehmer, der sich nicht jeden Tag damit beschäftigt, wie er sein Unternehmen besser machen kann, auf allen Ebenen. Aber Innovationen sind ja nicht planbar, das ist ein kreativer Prozess. Deswegen würde ich den Vorwurf nicht gelten lassen. Und wenn Sie sich zum Beispiel die aktuellen Automodelle anschauen, dann ist Deutschland da gerade wieder sehr gut unterwegs. Ich glaube, an der Innovationskraft liegt es nicht. Aber die Frage ist, wo die innovativen Produkte am Ende gebaut werden – wenn die Kosten an anderen Standorten günstiger sind. Das ist der Punkt, an dem wir ansetzen müssen.
Wenn Sie als Unternehmer Kosten sparen können, ist alles wieder gut?
Die Unternehmen brauchen jetzt Luft. Das heißt, Geld und Zeit, um diese Krise zu überbrücken. Deshalb brauchen wir in der Tat eine Kostensenkung. Aber dabei geht es keineswegs darum, dass man sich als Unternehmer möglichst schnell reich macht. Als Mittelständler lebt man am gleichen Ort wie seine Beschäftigten, da bekommen die Leute schon mit, was man tut. Gehen Sie mal zum Metzger am Ort, wenn Sie jemanden entlassen mussten.
Welche der vier „Plagen“ ist aus Ihrer Sicht denn besonders problematisch, die Arbeitskosten, die Energiekosten …?
Das ist unterschiedlich, es gibt Industriebranchen, die extrem energiekostenlastig sind und zugleich weitgehend durchautomatisiert, die haben geringere Personalkosten. Bei anderen spielt die Energie eine untergeordnete Rolle, dafür arbeiten sie sehr personalintensiv. Deshalb müssen wir beides angehen. Klar ist, dass die Lohnnebenkosten allen Prognosen zu folge stark steigen, wenn man jetzt nichts tut. Die Sozialabgaben könnten von heute 42 Prozent des Bruttolohns auf 50 oder sogar 53 Prozent im Jahr 2035 zulegen. Das führt dazu, dass die Unternehmen höhere Arbeitskosten und dass die Arbeitnehmer weniger netto zur Verfügung haben. Wir müssen deshalb dafür sorgen, dass die Sozialabgaben nicht weiter steigen und künftig wieder auf 40 Prozent zurückgehen.
Wie viel machen die Sozialabgaben bei den Kosten aus?
Je nach Unternehmen ist das wiederum verschieden. Aber grob gerechnet entspricht ein Prozentpunkt mehr Beitrag zu den Sozialversicherungen bis zu 19 Milliarden Euro. Die müssen Arbeitgeber und Arbeitnehmer zusammen bezahlen. Bei einem Anstieg von 42 auf 53 Prozent sprechen wir also über rund 200 Milliarden. Mit diesen zusätzlichen Kosten wäre die ohnehin geschwächte deutsche Wirtschaft absolut nicht mehr wettbewerbsfähig. Schon heute sieht es ja so aus: Eine Stunde Arbeit kostet bei uns im Durchschnitt 53,76 Euro, in Großbritannien 36,05 Euro, in Polen 16,47 Euro und in China 14,01 Euro. Unsere Arbeitskosten liegen also selbst verglichen mit dem europäischen Umfeld extrem hoch.
Aber war Deutschland nicht immer schon ein Hochlohnland, auch in Zeiten des großen Erfolgs?
In der Vergangenheit konnten wir das durch hohe Produktivität und technischen Vorsprung ausgleichen. Heute können wir uns diese Kosten nicht mehr leisten. Der Markt und die Wettbewerbsbedingungen haben sich verändert. Außerdem kommen zu diesen Arbeitskosten eben auch die hohen Energiekosten, Bürokratielasten und Steuern hinzu.
Die Höhe der Löhne haben Sie gar nicht angesprochen, die ist also kein Problem?
Es geht immer um die Summe der Arbeitskosten. Aber ich glaube, es ist jetzt ein realistisches Ziel, dass wir bei den Nebenkosten eine Lösung finden. Dazu muss die Politik ernsthafte Reformen angehen.
Für Mittwoch hat die Bundesregierung Vertreter der Gewerkschaften und der Arbeitgeberseite zu einem Gespräch über Reformen eingeladen. Sind Sie auch da bei?
Ich bin nicht dabei, aber es gibt natürlich Vorgespräche, an denen wir als Verband beteiligt sind.
Das heißt, Sie reden auch mit der IG Metall oder dem DGB, um auszuloten, was möglich ist?
Zunächst mal sprechen wir mit den anderen Arbeitgeberverbänden. Dann wird man sehen, was bei diesem Treffen herauskommt.
Was erhoffen Sie sich denn?
Gut wäre es, wenn man sich miteinander auf wirkungsvolle Reformen einigt und sie dann zügig umsetzt. Mit dem Ziel, dass die Sozialabgaben stabilisiert werden und wieder Richtung 40 Prozent gehen. Oder dass man bei der Flexibilisierung der Arbeitszeiten, bei der Bürokratie, bei den Steuern und den Energiekosten vorankommt.
Halten Sie das für wahrscheinlich? Der Kanzler wurde vor Kurzem beim DGB ausgebuht, als er von Reformen sprach.
Ich denke, die Fakten liegen auf dem Tisch, und alle wissen, dass Reformen nötig sind. Aber jetzt muss die Politik entscheiden. Das kann ihr niemand abnehmen, auch die Sozialpartner können das nicht.
Sind Sie sich mit den Gewerkschaften zumindest bei der Lagebeurteilung einig?
Vollständig einig ist man sich da sicher nicht, aber mein Eindruck ist schon, dass man bei der IG Metall bewusst wahrnimmt: Es sind Arbeitsplätze abgebaut worden, die Leute haben Angst um ihre Jobs, und wir müssen gemeinsam etwas tun.
Was passiert, wenn keine Einigung gelingt und die Bundesregierung sich zu keinen großen Reformen durchringen kann?
Wenn sich nichts ändert, wenn keine Reformen kommen, die die Arbeitskosten und andere Kosten senken, dann wird sich die aktuelle wirtschaftliche Abwärtsspirale weiter drehen. Dann werden noch mehr Arbeitsplätze abgebaut, dann wird noch mehr Industrie in andere Länder verlagert. Jeder kann sich ausmalen, wo das endet.
Meinen Sie damit, dass die Regierung dann scheitert?
Nein, solche Erwartungen möchte ich nicht befördern. Niemand hat etwas davon, wenn diese Koalition kaputtgeht. Ich meinte, dass wir dann den Wohlstand verspielen, den wir uns auch mithilfe unserer Vorfahren aufgebaut haben. Das möchte ich unbedingt verhindern. Aber ich habe wirklich die Hoffnung, dass die Regierungsparteien diese Gefahr erkannt haben und jetzt etwas dagegen tun.