Sozialpolitik

Entgeltgleichheit (Equal Pay)

Entgeltgleichheit (Equal Pay)

Entgeltgleichheit

Foto: Gesamtmetall

Nicht nur der Jahr für Jahr ausgerufene "Equal-Pay-Day", auch die meisten politischen Vorhaben von Frauenquoten bis zur Offenlegung von Gehaltsstrukturen basieren auf der unablässig verbreiteten Behauptung, wonach Frauen bei gleicher Arbeit rund 21 Prozent weniger verdienen als Männer. Worauf aber basiert diese Aussage?

Die Zahlen stammen vom Statistischen Bundesamt. Es ermittelt den Durchschnittsverdienst aller Arbeitnehmer und stellt ihn dem Durchschnittsverdienst aller Arbeitnehmerinnen gegenüber. Diese Berechnung ergibt den Unterschied von aktuell 21 Prozent. Allerdings: Diese unbereinigte Berechnung ist kein Indikator für mögliche Diskriminierung, denn er vergleicht eben gerade nicht vergleichbare Tätigkeiten miteinander. Fast drei Viertel der unbereinigten Differenz lassen sich auf strukturelle Unterschiede zurückführen, betonen die Statistiker: "Die wichtigsten Gründe für die Differenzen der durchschnittlichen Bruttostundenverdienste waren Unterschiede in den Branchen und Berufen, in denen Frauen und Männer tätig sind, sowie ungleich verteilte Arbeitsplatzanforderungen hinsichtlich Führung und Qualifikation. Darüber hinaus sind Frauen häufiger als Männer teilzeit- oder geringfügig beschäftigt."

Die Betrachtung im Detail zeigt unter anderem:

  • Bei bis zu 25-jährigen liegt die unbereinigte Entgeltlücke bei nur 6 Prozent, erst ab 40 steigt er auf über 20 Prozent.
  • In Ostdeutschland liegt der Unterschied bei 7, im Westen bei 23 Prozent.
  • Bei Vollzeitbeschäftigten sind es 19, bei geringfügig Beschäftigten 0 Prozent.
  • Nur sehr geringe Unterschiede gibt es nach Betriebsgrößen oder nach Tarifbindung.
  • Betrachtet man die Branchen, schneidet der Wirtschaftszweig "freiberufliche, wissenschaftliche und technische Dienstleistungen" mit 31 Prozent Unterschied am schlechtesten ab – und "Bergbau und Gewinnung von Steinen und Erden" mit 0 Prozent am besten.

All das legt den Schluss nahe, dass die Unterschiede andere Ursachen haben müssen als die vermeintliche Diskriminierung von Frauen.

Die bereinigten Zahlen

Tatsächlich erklärt das Statistische Bundesamt selber, dass die unbereinigten Zahlen keine Aussage über die Entlohnung vergleichbarer Arbeit ermöglich. Deshalb wird die bereinigte Lücke ermittelt: Bei ihr werden vergleichbare Qualifikationen, Tätigkeiten und Erwerbsbiographien betrachtet. Dann liegt der Unterschied bei nur noch 6 Prozent. Doch selbst zu diesen 6 Prozent sagt das Bundesamt ausdrücklich: "Ein Maß für Diskriminierung von Frauen stellt der bereinigte Gender Pay Gap allerdings nicht dar. So können einige Merkmale, die eine zusätzliche Erklärungskraft in das Modell einbringen könnten, aufgrund fehlender Daten nicht berücksichtigt werden. Beispiele hierfür wären Erwerbsunterbrechungen zur Kindeserziehung oder das individuelle Verhalten in Lohnverhandlungen."

Forschungen etwa des Instituts der deutschen Wirtschaft Köln ergänzen genau diesen Punkt: Insbesondere längere, familienbedingte Auszeiten wirken sich aus. Betrachtet man zum Beispiel Arbeitnehmerinnen, die sich von ihren männlichen Kollegen lediglich in dem Punkt unterscheiden, dass sie eine Babypause von maximal 18 Monaten gemacht haben, schrumpft der Entgeltunterschied auf nur noch 2 bis 3,8 Prozent zusammen.

Unter dem Strich bedeutet das: Die 21 Prozent Unterschied basieren fast gänzlich auf dem Berufswahlverhalten und familienbedingten Auszeiten.

Das Berufswahlverhalten

Frauen entscheiden sich – trotz aller massiven Werbung für den Einstieg – nach wie vor ganz überwiegend gegen technische Berufe. Nur in Ostdeutschland waren auch technische Berufe üblich, dort sind auch beispielsweise die Verfügbarkeit und die gesellschaftliche Akzeptanz von frühzeitiger, ganztägiger Kinderbetreuung eine andere – das mag zu einem guten Teil erklären, warum die unbereinigte Lücke im Osten deutlich kleiner ist als im Westen.

In der Metall- und Elektro-Industrie liegt der Anteil der Frauen konstant bei rund 20 Prozent, der Anteil an Auszubildenden in den technischen M+E-Berufen bei lediglich 8 Prozent. Trotz aller objektiven Vorteile - Arbeitszeit, Aufstiegsmöglichkeiten, Verdienst, flexiblen Arbeitszeitmodellen – entscheiden sich junge Frauen weiterhin für andere Branchen.

In der Liste der beliebtesten Ausbildungsberufe finden sich bei Männern vier M+E-Berufe unter den "Top 15". Bei Frauen kommt der erste technische M+E-Beruf auf Platz 47! Bei den für unsere Branche wichtigen Ingenieurstudiengängen lag der Frauenanteil bei Studienanfängern im WS 2016/17 im Fach Elektrotechnik bei 16,3 Prozent, der beim Maschinenbau 21,2 Prozent.

Die verbleibende Lücke

Es bleibt ein nicht eindeutig erklärbarer Rest von knapp 2 bis 3,8 Prozent (je nach Berechnungslage). Selbst dieser ist nur eingeschränkt als Gradmesser von Diskriminierung zu sehen: Forschungen verweisen auf unterschiedlicher Herangehensweise an Gehaltsverhandlungen, hinzu kommen besondere Ausreißer (trotz gleicher Arbeit verdienen Erstliga-Spieler beim Fußball im Durchschnitt das 37-fache von Erstliga-Spielerinnen). Klar ist aber: Tatsächliche Diskriminierung ist nicht akzeptabel – und nach geltenden Gesetzen bereits verboten. Und die Tarifverträge – in der M+E-Industrie etwa – sind mit ihren Entgeltgruppen transparent, vergleichbar und machen selbstverständlich keinerlei Unterschied nach Geschlecht. Über die Einstufung entscheiden dabei sogar die Betriebsräte mit.

Wenn wirklich etwas bewegt werden soll, müssen die tatsächlich entscheidenden Einflussfaktoren berücksichtigt werden. Gesellschaft, Eltern, Berufsberater und junge Frauen selber sollten daher sehr viel selbstverständlicher als bisher auf die technischen Berufsfelder schauen.

Die Lücke durch Auszeiten wird sich nicht völlig schließen lassen, weil es immer einen Anteil an Beschäftigten geben wird, der Auszeiten nehmen möchte oder der mit Kind nur noch eine Teilzeitstelle haben möchte.

Das dringendste Handlungsfeld der Politik muss aber darin liegen, dass solche Auszeiten ausschließlich freiwillig erfolgen – und nicht mehr erzwungenermaßen, weil es keine verlässlichen und passenden Kinderbetreuungsmöglichkeiten gibt.