Um den Fachkräftebedarf langfristig zu decken, ist es für die Metall- und Elektro-Industrie entscheidend, sämtliche verfügbaren Arbeitsressourcen gezielt zu nutzen. Ein zentraler Ansatzpunkt ist dabei die stärkere Einbindung älterer Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer.
Fachkräftemangel trifft auf demografischen Wandel
Aktuelle Daten verdeutlichen die Dimension dieser Entwicklung: In der M+E-Industrie ist die Zahl der Beschäftigten im Alter von 60 Jahren und älter von rund 85.000 im Jahr 2000 auf 461.000 im Jahr 2025 gestiegen – ein Zuwachs von 449 Prozent. Im gleichen Zeitraum nahm die Gesamtbeschäftigung lediglich um 9,5 Prozent zu.
Dieser starke Anstieg ist Ausdruck des demografischen Wandels, der die Unternehmen zur Unzeit trifft. Angesichts der anhaltenden Strukturkrise, der hohen Belastungen des Standorts Deutschland und rückläufiger Beschäftigtenzahlen wird die Altersstruktur zunehmend zu einem existenziellen Problem, das die Bewältigung der Standortkrise zusätzlich erschwert.

Ältere Beschäftigte gewinnen an Bedeutung
Vor diesem Hintergrund ist die Entscheidung des Gesetzgebers, das Renteneintrittsalter (Regelaltersgrenze) schrittweise bis zum Jahr 2029 auf 67 Jahre anzuheben, aus Sicht der M+E-Industrie konsequent und richtig. Angesichts der steigenden Lebenserwartung ist eine weitere Anpassung des Renteneintrittsalters langfristig unvermeidlich.
Dem steht jedoch das im Jahr 2014 beschlossene Gesetz zur Einführung einer abschlagsfreien Altersrente ab 63 Jahren nach 45 Beitragsjahren entgegen. Diese sogenannte „Rente ab 63“ hat den Aufbau der Beschäftigung in den Jahrgängen ab 60 deutlich gebremst und wirkt den Zielen einer höheren Erwerbsbeteiligung Älterer entgegen. Entsprechende Anreize zur Frühverrentung sollten daher dringend zurückgenommen werden.
Längere Erwerbstätigkeit ist richtiger Ansatz
Das durchschnittliche Renteneintrittsalter lag im Jahr 2024 bei lediglich 64,7 Jahren. Die Problematik des frühen Renteneintritts hat auch die Bundesregierung erkannt. Im Koalitionsvertrag wurde daher festgehalten, die Rahmenbedingungen für eine längere Erwerbstätigkeit älterer Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer zu verbessern – sofern diese dies wünschen. Ziel ist es, freiwilliges Weiterarbeiten attraktiver zu machen und bestehende Hürden abzubauen.
Aktivrente und weitere Maßnahmen der Bundesregierung
In diesem Zusammenhang wurde zum 01.01.2026 die sogenannte Aktivrente eingeführt. Danach können Personen, die das gesetzliche Rentenalter erreicht haben und freiwillig weiterarbeiten, bis zu 2.000 Euro monatlich steuerfrei hinzuverdienen.
Darüber hinaus wurde die Rückkehr von Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmern nach Erreichen der Regelaltersgrenze zum bisherigen Arbeitgeber erleichtert. Durch die Aufhebung des Vorbeschäftigungsverbots ist nun ein befristetes Weiterarbeiten möglich. Ergänzend plant die Bundesregierung, die Hinzuverdienstmöglichkeiten bei der Hinterbliebenenrente zu verbessern und zu prüfen, wie diese auch für Rentnerinnen und Rentner in der Grundsicherung im Alter ausgeweitet werden können.
Ob diese Maßnahmen tatsächlich geeignet sind, eine längere Erwerbstätigkeit in relevantem Umfang zu fördern, ist bislang offen.
Rentenpaket: hohe Kosten, geringe Wirkung
Anstatt dem Fachkräftemangel und dem frühen Renteneintritt wirksam entgegenzuwirken, wurde das Gesetz zur Stabilisierung des Rentenniveaus und zur vollständigen Gleichstellung der Kindererziehungszeiten (Rentenpaket) auf den Weg gebracht.
Dieses Gesetz fördert weder einen längeren Verbleib im Erwerbsleben noch trägt es substantiell zur langfristigen Stabilisierung der gesetzlichen Rentenversicherung bei. Mit zusätzlichen Kosten von mehr als 200 Milliarden Euro in den nächsten 15 Jahren ist das Rentenpaket das teuerste Sozialgesetz dieses Jahrhunderts. Diese Politik steht nicht im Einklang mit einem ausgewogenen Generationenvertrag.
Rentenkommission: Reformen werden vorweggenommen
Besonders kritisch ist, dass das Rentenpaket verabschiedet wurde, obwohl die Rentenkommission erst Ende 2025 eingesetzt wurde. Angesichts der tiefgreifenden demografischen Veränderungen soll diese Kommission bis Mitte des kommenden Jahres Vorschläge für grundlegende Reformen der Alterssicherung vorlegen.
Durch die vorzeitige Festlegung zentraler rentenpolitischer Weichen wird die Arbeit der Rentenkommission faktisch präkludiert.
Was die M+E-Industrie bereits leistet
Ungeachtet fehlender wirksamer politischer Anreize für längere Erwerbsbiografien sind die Unternehmen der M+E-Industrie nicht untätig geblieben. Fortschritte in der Arbeitsplatzgestaltung, Investitionen in moderne Produktionstechnologien sowie der wachsende Stellenwert der betrieblichen Gesundheitsvorsorge tragen bereits wesentlich dazu bei, dass Beschäftigte länger im Betrieb bleiben möchten.
Eine feste Altersgrenze für Leistungsfähigkeit existiert in der M+E-Industrie nicht. Auch eine zwangsläufige Verschlechterung der beruflichen Leistungsfähigkeit im Alter lässt sich empirisch nicht feststellen. In den vergangenen Jahren konnten die Unternehmen der Branche die Beschäftigung älterer Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter deutlich steigern.
Gezielte Weiterbildungsmaßnahmen, die Förderung lebenslangen Lernens sowie tarifliche Regelungen zum flexiblen Übergang in den Ruhestand und zum Aufbau zusätzlicher Altersvorsorge stärken die Beschäftigungsfähigkeit älterer Beschäftigter nachhaltig.
Die wichtigsten Kernaussagen auf einen Blick:
- Die Metall- und Elektro-Industrie ist zunehmend auf ältere Beschäftigte angewiesen: Die Zahl der Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer ab 60 Jahren ist seit 2000 um 449 Prozent gestiegen.
- Der demografische Wandel trifft die Unternehmen in einer Phase wirtschaftlicher Schwäche und verschärft den Fachkräftemangel erheblich.
- Frühverrentungsanreize wie die „Rente ab 63“ bremsen längere Erwerbsbiografien und stehen einer höheren Beschäftigungsbeteiligung Älterer entgegen.
- Die Aktivrente (steuerfreier Hinzuverdienst bis 2.000 Euro monatlich) ist ein Schritt in die richtige Richtung, reicht jedoch nicht aus. Unklar, ob die Maßnahme geeignet ist, Arbeitskräfte zu aktivieren.
- Das Rentenpaket verursacht Kosten von bis zu 300 Milliarden Euro bis 2040 und über 500 Milliarden Euro bis Mitte der 2040er Jahre, ohne die strukturellen Probleme zu lösen.
- Die Unternehmen der M+E-Industrie handeln bereits: Investitionen in moderne Arbeitsplätze, Weiterbildung und flexible Übergänge in den Ruhestand ermöglichen längeres Arbeiten.
- Für eine nachhaltige Sicherung der Altersversorgung braucht es wirksame politische Reformen, die längeres Arbeiten fördern statt Frühverrentung zu begünstigen.