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„Klassenkampfdenken fällt völlig aus der Zeit“

Sozialpartnerschaft

Der neue Gesamtmetall-Präsident Dr. Udo Dinglreiter im FAZ-Interview über Tarifverträge, die wirtschaftliche Lage der M+E-Industrie und seine Erwartungen an die Bundesregierung:

Herr Dingl­reiter, Sie sind neuer Präsident des Arbeit­ge­ber­ver­bands Gesamt­me­tall, der zusammen mit der IG Metall den größten Flächen­ta­rif­ver­trag hier­zu­lande hat. Mit Ihrem eigenen Unter­nehmen aber halten Sie sich davon fern. Wie passt das zusammen?

Unseren Verband tragen Betriebe mit Tarif­ver­trag und Betriebe ohne Tarif­ver­trag glei­cher­maßen. Die Zahl der soge­nannten OT-Betriebe im Verband…

OT für „ohne Tarif“

…ist sogar etwas höher als die der T-Betriebe, auch wenn letztere im Durch­schnitt mehr Beschäf­tigte haben. Es war deshalb nur nahe­lie­gend, dass auch einmal ein Unter­nehmer mit einem OT-Unter­nehmen an die Spitze unseres Verbandes tritt. Eines will ich aber gleich klar­stellen, damit Sie es bitte nicht miss­ver­stehen: Ich spreche für alle Unter­nehmen der Metall- und Elektro-Industrie und bin ganz gewiss kein Gegner von Tarif­ver­trägen. Für sehr, sehr viele Firmen in unserem Verband ist die Tarif­bin­dung, also die Bindung an unseren Flächen­ta­rif­ver­trag mit der IG Metall, zwei­fellos das richtige Maß der Dinge.

Warum dann nicht auch in Ihrem Unter­nehmen?

Sehen Sie, die Stärke unserer deutschen Wirt­schaft liegt nicht zuletzt in einer beson­deren Vielfalt der Unter­nehmen. Wir sind ein recht kleines und hoch spezi­a­li­siertes Unter­nehmen für Maschinen- und Anla­genbau…

…und für solche Unter­nehmen passt der Metall-Tarif­ver­trag nicht?

Ich will da keinerlei Grund­sätze aufstellen. Nur ist es in unserem Fall so, dass eigent­lich jeder Mita­r­beiter vieles können muss und im Zweifel auch jede der sehr viel­fäl­tigen Aufgaben einmal übernimmt. So etwas können Sie mit den Eingrup­pie­rungs­re­geln üblicher Tarif­ver­träge kaum vernünftig abbilden. Diese Beson­der­heit, niemals nach Schema F zu arbeiten, ist für unser Unter­nehmen geradezu ein Marken­zei­chen, mit dem wir erfolg­reich um quali­fi­zierte Fach­kräfte werben.

Viele Kritiker der Metall-Tarif­ver­träge stören sich vor allem an hohen Lohn­kosten und der durch die 35-Stunden-Woche begrenzten Arbeits­zeit. Sie nicht?

Noch einmal: Ich bin weder ein Ideologe, noch ein Gegner von Tarif­ver­trägen – und schon gar kein ideo­lo­gi­scher Gegner von Tarif­ver­trägen. Natürlich kämpfen in einer so langen Krise unserer Industrie, wie wir sie gerade erleben, viele Unter­nehmen mit Ertrags- und Kosten­pro­blemen. Und dann geraten auch tarif­ver­trag­liche Rege­lungen ins Visier von Kritik. Gerade aber für Betriebe in wirt­schaft­lich schwie­riger Lage sind unsere Tarif­ver­träge nicht so starr, wie gele­gent­lich behauptet wird. Sie ermög­li­chen flexible Lösungen. Es ist eine große Leistung der Tarif­par­teien, also unserer Verbände zusammen mit der IG Metall, dass das gelungen ist und immer wieder neu gelingt.

Gewerk­schaften und SPD fordern seit Langem ein Verbot von Arbeit­ge­ber­ver­bänden, die Betriebe ohne Tarif­ver­trag („OT“) als Mitglieder aufnehmen. Wie stehen Sie zu dieser Forderung?

Ich wüsste gar nicht, wie man das begründen sollte. Es ist doch nur gut für unsere Metall- und Elektro-Industrie, wenn unsere Verbände möglichst vielen Unter­nehmen eine Stimme geben; wenn wir alle gemeinsam für bessere Rahmen­be­din­gungen eintreten, ob gegenüber der Politik oder unserem Sozi­al­partner. Mir leuchtet nicht ein, was man dagegen haben kann.

Nun, der Vorwurf lautet, dass OT-Verbände Betriebe aus der Tarif­bin­dung heraus­lo­cken und ihnen die „Flucht aus dem Flächen­tarif“ erleich­tern.

Wer so etwas behauptet, kennt sich wohl nicht besonders gut aus. Das ist doch eine völlig falsche Inter­pre­ta­tion. Kein Betrieb lässt sich aus einem Tarif­ver­trag heraus­lo­cken, weil sein Verband auch OT-Mitglied­s­chaft anbietet. Wer in der Tarif­bin­dung ist, hat sich dafür ganz rational aus guten Gründen entschieden; und wer nicht in der Tarif­bin­dung ist, hat dafür ebenso rationale Gründe, die man respek­tieren muss. Diesen Unter­nehmen eine Verbands­mit­glied­s­chaft zu verbieten, würde daran gewiss nichts ändern.

Sagten Sie nicht, dass Betriebe ohne Tarif­ver­trag unter dem Dach von Gesamt­me­tall inzwi­schen in der Mehrheit seien?

Knapp in der Mehrheit, ja, wenn man kleine Betriebe genauso zählt wie große – aber nicht „inzwi­schen“. Und wenn wir es an der Zahl der Beschäf­tigten messen, die in flächen­ta­rif­ge­bun­denen Metall- und Elektro-Unter­nehmen arbeiten, dann bewegt sich diese seit vielen Jahren bei 1,8 bis 1,9 Millionen. Es sind heute sogar eher etwas mehr als vor zehn oder fünfzehn Jahren – obwohl unsere Industrie seit mitt­ler­weile mehr als sechs Jahren in der Rezession steckt. Außerdem ist es ja so, dass auch die OT-Betriebe in unseren Verbänden der Sozi­al­part­ner­schaft in der Regel näher­stehen als jene, die sich gänzlich von unseren Verbänden fern­halten.

Falls die Gewerk­schafts­seite das nicht anerkennt, wie könnten Sie dann als Gesamt­me­tall-Präsident erfolg­reich sein?

Ich bin zuver­sicht­lich, dass ich mit allen wichtigen Gesprächs­part­nern in einen guten Austausch komme. Das gilt für Gespräche mit der Politik genauso wie für die IG Metall. Ich freue mich darauf, mit ihrer Ersten Vorsit­zenden, Frau Benner, in Kürze ein erstes Gespräch in meiner neuen Funktion zu führen. Bei allen Unter­schieden, die in unseren Rollen und Aufgaben begründet sind, haben wir ja ein gemein­sames Interesse an einer starken und erfolg­rei­chen Metall- und Elektro-Industrie.

Erste Konjunk­tur­daten deuten an, dass die deutsche Wirt­schaft die Rezession hinter sich lässt. Sehen Sie davon auch etwas in der Metall-und Elektro-Industrie?

Leider nein. Viele Unter­nehmen kämpfen weiterhin an der Renta­bi­li­täts­grenze und sehen sich zu weiterem Stel­le­n­abbau gezwungen. Das zeigen auch die Beschäf­ti­gungs­daten, die wir gerade neu bekommen haben: Im November hatten wir nur noch knapp über 3,8 Millionen Beschäf­tigte in der Metall- und Elektro-Industrie – ein Rückgang um mehr als 100.000 im Vergleich zum Vorjahr. Seit 2019 summiert sich der Beschäf­ti­gungs­ver­lust nun sogar auf mehr als 250.000. Außerdem steht hinter den 0,2 Prozent Wirt­schafts­wachstum, die das Statis­ti­sche Bundesamt für 2025 ermittelt hat, ja kein selbst­tra­gender Aufschwung. Das kleine Plus geht vor allem auf höhere Staats­aus­gaben zurück, teils Sozi­a­l­aus­gaben und teils erste Käufe zusätz­li­cher Rüstungs­güter.

Keine Zuver­sicht beim Blick voraus?

Das neue Jahr hat ein paar mehr Arbeits­tage als 2025, was sich auch in den Wirt­schafts­daten positiv bemerkbar machen wird. Aber eine bloße Zufäl­lig­keit des Kalenders ist natürlich noch keine echte Verbes­se­rung der schwie­rigen Rahmen­be­din­gungen am Standort Deutschland. Und auch das schul­den­fi­nan­zierte Inves­ti­ti­ons­pro­gramm der Regierung wird allein keine Wende bringen, solange sich an diesen Rahmen­be­din­gungen für die Unter­nehmen wenig ändert.

Welche Rahmen­be­din­gungen meinen Sie?

Da sind zunächst äußere Faktoren, an denen die Bundes­re­gie­rung zuge­ge­be­ner­maßen wenig ändern kann: Kosten­nach­teile im Wett­be­werb durch die ameri­ka­ni­sche Zoll­po­litik, erschwerte Bedin­gungen auf dem chine­si­schen Absatz­markt und verschärfter Wett­be­werb durch chine­si­sche Anbieter. Umso drin­gender müssen aber jene Faktoren verbes­sert werden, die sich beein­flussen lassen. Unsere Industrie braucht wieder wett­be­werbs­fä­hige Ener­gie­preise, und zwar nach­haltig, also nicht nur durch Subven­ti­onen, die irgend­wann die öffent­li­chen Kassen sprengen. Unsere Industrie braucht ebenso dringend eine echte, spürbare Entlas­tung von lähmender Büro­kratie. Und sie braucht eine Begren­zung der stark stei­genden Arbeits­kosten – allen voran der durch Sozi­a­l­ab­gaben verur­sachten Lohn­ne­ben­kosten.

Aus Gewerk­schafts­sicht ist solche Kritik an Arbeits-und Lohn­ne­ben­kosten überzogen, denn diese machten ja in der Industrie einen eher geringen Anteil der Gesamt­kosten aus. Ist das denn falsch?

Natürlich gibt es einige voll auto­ma­ti­sierte Betriebe mit Perso­nal­kos­ten­quoten von weniger als 15 Prozent, vor allem im Bereich von Massen­pro­duk­tion. Aber das gilt ja nicht für die Breite unserer viel­fäl­tigen Industrie und erst recht nicht für die vielen mittel­stän­di­schen Unter­nehmen. Deren Perso­nal­kos­te­n­an­teile sind oft doppelt bis dreimal so hoch, und da schlagen hohe Arbeits­kosten natürlich direkt auf ihre Wett­be­werbs­fä­hig­keit durch. Steigen die Sozi­a­l­ab­gaben unge­bremst weiter, sind wir bald bei 50 Prozent vom Brut­to­lohn. Das können Sie doch niemandem mehr erklären, auch nicht den Beschäf­tigten, deren Netto­löhne damit schrumpfen.

Teile der Regie­rungs­ko­a­li­tion, insbe­son­dere die SPD, wollen Sozi­al­bei­träge dadurch dämpfen, dass man Sozi­al­leis­tungen mehr über Steuern und andere Abgaben finan­ziert. Wäre das nicht auch für Unter­nehmen eine gewisse Entlas­tung?

Das Problem ist doch, dass die Ausgaben des Sozi­al­staats fort­lau­fend stärker steigen als die Einnahmen. Und schon dieser Anstieg der Einnahmen, also der Abgaben-und Steu­er­last, eilt der Wirt­schafts­leis­tung davon und würgt unser Wachstum ab. Der Sozi­al­staat muss effi­zi­enter und ziel­ge­nauer werden, damit er wieder finan­zierbar wird. Und falls Sie dabei auf das Thema Erbschaft­steuer anspielen, sage ich klar: In der aktuellen Lage führt jegliche Steu­er­er­hö­hung für Unter­nehmen nur dazu, dass ihnen weniger zum Inves­tieren bleibt. So lässt sich die Dein­dus­tri­a­li­sie­rung Deut­sch­lands gewiss nicht aufhalten.

Arbeits­mi­nis­terin Bärbel Bas (SPD) vertrat Ende November auf dem Arbeit­ge­bertag die Ansicht, dass das umstrit­tene neue Renten­paket die Arbeit­geber nicht belaste. Denn die 200 Milli­arden Euro Mehr­kosten würden ja aus dem Bundes­haus­halt und nicht aus Sozi­al­bei­trägen aufge­bracht. Haben Sie da, wie die anderen Arbeit­geber, auch gelacht?

Nein. Wegen eines wichtigen Termins für unser Unter­nehmen war ich nicht dabei. Deshalb will ich auch gar nicht über die konkrete Situation damals urteilen. Sachlich halte ich das Argument für falsch.

Bas hat den Arbeit­ge­bern auf einem Juso-Kongress kurz darauf „den Kampf“ angesagt. Ist die Wahl eines „OT“-Unter­neh­mers zum Gesamt­me­tall-Chef etwa auch ein Signal, dass sich der Verband offensiv für diesen Kampf rüstet?

Ganz klar: Nein. Denn für so eine Aufstel­lung wäre ich die falsche Wahl. Nach meiner Über­zeu­gung sollte man überhaupt nicht mehr in solchen Kate­go­rien von Kampf und Klas­sen­kampf denken. Das fällt doch heute voll­kommen aus der Zeit. Meine Herkunft und Erfahrung als Unter­nehmer vermit­teln mir ein grund­le­gend anderes Leitbild, und zwar: Wir sind ein Team, lasst uns zusam­me­n­a­r­beiten – dann erreichen wir am meisten und werden gemeinsam erfolg­reich sein. Daran werde ich mich auch als Gesamt­me­tall-Präsident orien­tieren, ob im Austausch mit dem Bundes­kanzler oder der Bundes­a­r­beits­mi­nis­terin. Und bei allen natür­li­chen Inter­es­sen­ge­gen­sätzen gilt das genauso für den Austausch mit der IG Metall.