Die Metall- und Elektro-Industrie steckt in einer sehr schweren Krise und baut jeden Monat zehntausend Stellen ab. Was Gesamtmetall-Präsident Dr. Udo Dinglreiter dabei von der Politik zur Verbesserung der Rahmenbedingungen am Standort erwartet, hat er der Rheinischen Post im Interview erklärt:
Herr Dinglreiter, Sie sind neuer Präsident der Metall-Arbeitgeber. Wie trifft der Krieg im Iran Ihre Branche?
Die Energiekosten waren schon vorher zu hoch, der neue Anstieg der Öl- und Gaspreise trifft unsere Firmen hart. Auch könnten wieder Lieferketten reißen. Je schneller der Krieg endet, umso besser – für die Wirtschaft, aber vor allem für die Menschen in der Region.
Wie schlimm ist die Krise der Branche?
Die Metall- und Elektrobranche steckt in der schwersten Krise seit dem Zweiten Weltkrieg. Seit 2019 hat die Branche bundesweit 270.000 Arbeitsplätze verloren. Jeden Monat bauen wir 10.000 Stellen ab. Die Zahl der Beschäftigten ist auf den Stand vor zehn Jahren gefallen und liegt nun unter 3,8 Millionen.
Wie geht es weiter?
Entspannung ist nicht in Sicht. Unsere Umfragen sagen: In diesem Jahr gehen wieder 120.000 Arbeitsplätze oder mehr verloren – gut bezahlte Industrie-Arbeitsplätze.
Wer ist besonders betroffen?
Der Automobil- und Maschinenbau. Die Stellen, die hier wegbrechen, können von der boomenden Rüstungsindustrie nicht ersetzt werden.
Die Union ist angetreten, alles besser zu machen. Sind Sie zufrieden mit der Regierung von Friedrich Merz?
Die Richtung stimmt, aber es geht auch unter der Regierung Merz alles zu langsam. Die Analysen sind gemacht, jetzt muss gehandelt werden. Bis zur Sommerpause müssen die wesentlichen Reformen auf den Weg gebracht sein.
Wie sehen Sie die Ministerinnen Reiche und Bas?
Beide sind wichtig für die Wirtschaft. Aber es geht ja nicht um Haltungsnoten für einzelne Kabinettsmitglieder. Es geht darum, das Land wieder wettbewerbsfähig zu machen. Dazu bedarf es der Unterstützung des gesamten Kabinetts, um die anstehenden Reformen durchzubringen.
Was soll die Regierung gegen die den Spritpreis-Anstieg tun? Bremens Bürgermeister fordert eine Übergewinn-Steuer…
Von reflexhaften Maßnahmen halte ich nichts. Was ist ein Übergewinn? Das kann man gar nicht definieren. Wir sollten die Krise nutzen, um die ohnehin nötigen Reformen zu starten: Energiekosten, Steuern und Sozialabgaben müssen runter, Bürokratie abgebaut werden.
Was fordern Sie bei den Steuern konkret?
Die Koalition sollte die geplante Senkung der Körperschaftsteuer von 2028 auf diese Jahr vorziehen und auch um mehr senken als nur einen Prozentpunkt. Die Entlastung käme unmittelbar bei den Betrieben an.
Und bei der Energie?
Der Industriestrompreis ist nur ein Tropfen auf den heißen Stein – eine Hilfe für drei Jahre und mit hohen Auflagen. Deshalb wird sich kein Investor für den Standort Deutschland entscheiden. Die Energiepreise müssen dauerhaft sinken. Die Stromsteuer muss für alle runter. Das Energieangebot muss steigen.
Wollen Sie zurück zur Atomkraft?
Für die Kernkraft sehe ich in Deutschland derzeit keine gesellschaftliche Akzeptanz. Doch vielleicht bieten langfristig neue Technologien wie Fusionsreaktoren neue Chancen. Mit Spannung sehe ich die Versuchsanlagen in Gundremmingen und Biblis.
Was soll bei der Rente passieren? Sollten wir bis 70 arbeiten?
Den Rentenbeitrag können wir nicht weiter erhöhen, also müssten wir länger arbeiten. Es würde schon helfen, das tatsächliche Rentenalter anzuheben. Die Rente mit 63 muss weg, mindestens sollten wir die Abschläge für den Vorruhestand erhöhen. Aber wir werden auch die Regelaltersgrenze anheben müssen. Wir sind gespannt auf die Vorschläge der Alterssicherungskommission.
Ein weiteres Problem für die Betriebe sind hohen Krankenstände. Wie sieht es aus?
Insgesamt sind sie in Deutschland zu hoch. Krankenstände von 20 Prozent kann sich das Land nicht leisten.
Was tun? Karenztage einführen?
Deutschland ist sicher kein Land der Blaumacher, dennoch müssen wir was tun. Wir sollten die telefonische Krankschreibung abschaffen, denn es hilft auch Arbeitnehmern, wenn sie einen Arzt sehen. Karenztage können eine Lösung sein. Andere Länder machen es vor: Hier zahlt der Arbeitgeber erst nach ein bis drei Tagen. Wenn es hilft, den Krankenstand zu senken, sollten wir uns das anschauen.
Die Bundesvereinigung der Arbeitgeberverbände (BDA) fordert, die Zuzahlung bei Krankenhäusern und Arzneien von bisher zehn Euro zu erhöhen. Guter Plan?
Die Zuzahlung ist seit Einführung 2004 nicht erhöht werden. Eine Anpassung an die Inflation auf 15 Euro pro Tag, wie es die BDA vorschlägt, wäre sinnvoll. Die Zuzahlung kann helfen, das Gesundheitswesen effizienter zu machen.
Viele Landtagswahlen stehen an. Haben Sie Sorge vor einem weiteren Erstarken der AfD?
Klar ist: Deutschland braucht den freien Welthandel und die EU, wir sind auf Offenheit und Fachkräfte aus dem Ausland angewiesen. Und auch darauf, uns gemeinsam mit unseren Bündnispartnern verteidigen zu können. Mir macht jede Partei Sorgen, die all das ablehnt.
Im Oktober steht die Tarifrunde der Metall- und Elektro-Industrie an. Wie hitzig wird es?
Wir kennen die Forderung der IG Metall noch nicht. Die Unternehmerinnen und Unternehmer sorgen sich um ihre Betriebe, die Arbeitnehmer um ihre Jobs – wir haben ein gemeinsames Interesse an fairen Abschlüssen. Die Tarifpolitik kann beim Nettolohn nicht das reparieren, was in der Sozial- und Steuerpolitik versäumt wird.
Im Koalitionsvertrag steht die Flexibilisierung der Wochenarbeitszeit auf 40 Stunden. Wie sieht es aus?
Betriebe und Arbeitnehmer wünschen sich diese Flexibilisierung. Es geht jedoch nicht darum, die Arbeitszeit zu erhöhen. Es geht nur darum, sie flexibler zu verteilen. Die Koalition muss die Wochenarbeitszeit einführen – wie im Koalitionsvertrag vereinbart – und die Vertrauensarbeitszeit ohne Arbeitszeitaufzeichnung absichern. Das wäre für die Unternehmen sicher ein gutes Signal.
