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„Die Menschen kennen die Lage und erwarten Reformen, damit sich die Lage bessert“

Krise der Industrie

Wenn man Bürokratie abbauen will, muss man auch Bürokraten abbauen, wenn man Wachstum will, muss man Reformen durchsetzen. Gesamtmetall-Hauptgeschäftsführer Oliver Zander rechnet damit, dass die M+E-Industrie dieses Jahr noch einmal viele Arbeitsplätze verliert. Im Gespräch mit den Zeitungen der Funke Mediengruppe redet er Klartext:

Herr Zander, wie geht es der Metall- und Elektro-Industrie derzeit?

Die Metall- und Elektro-Industrie ist in der Krise. Wir sind seit zwei Jahren in einer Rezession. Seit 2018 haben wir schon 270.000 Arbeits­plätze verloren. Wir sind in unserer Branche im vergan­genen Monat unter 3,8 Millionen Beschäf­tigte gefallen. Das hatten wir zuletzt 2015. Und wir müssen damit rechnen, dass wir in diesem Jahr noch einmal bis zu 150.000 Arbeits­plätze verlieren. Wir sind mitten in einer Dein­dus­tri­a­li­sie­rung und die Aussichten sind sehr düster. Die Situation ist wirklich drama­tisch.

Sind wir im inter­na­ti­o­nalen Wett­be­werb zurück­ge­fallen?

Absolut. Der Standort Deutschland hat ein Kosten­pro­blem. Wir haben in Deutschland zu hohe Ener­gie­kosten, zu hohe Unter­neh­mens­steuern, zu hohe Sozi­a­l­ab­gaben und zu viel Büro­kratie. Wir sind so unat­traktiv, dass hier nicht mehr in ausrei­chendem Maße inves­tiert wird, sodass Produk­ti­ons­an­lagen veralten und keine neuen Arbeits­plätze aufgebaut werden. Im Gegenteil. Die Metall- und Elektro-Industrie ist in der größten Krise seit Gründung der Bundes­re­pu­blik.

Die Bundes­re­gie­rung versucht mit dem Indus­tri­e­strom­preis zu helfen.

Das ist ein Versuch, der Industrie an dieser Stelle zu helfen, und wird allein jeden­falls nicht ausrei­chen, um aus der Krise zu kommen.

Welchem Sektor geht es am schlech­testen?

Wir haben schwere Einbrüche im Auto­mo­bil­sektor und im Maschi­nenbau. Inzwi­schen ist auch die Elek­tro­in­dus­trie, die der große Hoff­nungs­träger war, betroffen.

Und geht es auch irgendwo bergauf?

Wir haben eine gute Entwick­lung im Rüstungs­be­reich. Hier gibt es jetzt zwar viele Aufträge, der Bereich ist aber nicht so groß, dass er das, was wir im Auto­mo­bil­be­reich und im Maschi­nenbau verloren haben, ausglei­chen kann.

Viele Arbeit­geber ächzen unter dem Fach­kräf­temangel, und trotzdem gehen die Arbeits­lo­sen­zahlen rauf. Können Sie diesen Wider­spruch aufklären?

Die wirt­schaft­liche Lage ist gerade so schlecht, dass die Firmen mit Neuein­stel­lungen vorsichtig sind. Das belastet dieje­nigen, die jetzt in den Arbeits­markt eintreten. Gleich­zeitig werden wir renten­be­dingt hohe Abgänge haben. Wenn wir bis 2035 fünf Millionen Erwerbs­tä­tige verlieren, dann haben junge Leute natürlich viel Platz auf dem Arbeits­markt. Das wird – viel­leicht nicht sofort, aber in abseh­barer Zukunft – wieder zu mehr Einstel­lungen führen.

Würde ein höherer Mindest­lohn dem Fach­kräf­temangel entge­gen­wirken?

Der Mindest­lohn ist eher hinder­lich. Er liegt aktuell bei 13,90 Euro und steigt nächstes Jahr auf 14,60 Euro. Wir sind bei 8,50 Euro einge­stiegen, und seit 2015 ist das dann eine Stei­ge­rung um fast 72 Prozent, während die Tari­fent­gelte in der Metall- und Elektro-Industrie nur um 37 Prozent gestiegen sind. Das Problem ist, dass durch den Mindest­lohn einfache Arbeit sehr teuer geworden ist. Und auch junge Menschen fragen sich, warum sie eine Ausbil­dung machen sollen, wenn sie auch so 2400 Euro im Monat verdienen können. Der Mindest­lohn darf nicht mehr weiter so exor­bi­tant ansteigen, das funk­tio­niert volks­wirt­schaft­lich nicht.

Bundes­kanzler Friedrich Merz fordert immer wieder: Wir müssen mehr arbeiten. Aber ist Arbeit überhaupt noch attraktiv?

Wir arbeiten ja nicht nur, um Geld zu verdienen, sondern weil wir uns sinnvoll beschäf­tigen wollen. Arbeit gibt Befrie­di­gung, ist sinn­stif­tend, gibt Möglich­keiten, sich zu verwirk­li­chen. Arbeit gibt auch die Möglich­keit, sich ein selbst bestimmtes Leben zu erar­beiten, wirt­schaft­lich unab­hängig zu sein. Trotzdem kann es sein, dass die Leute die Lust am Arbeiten verlieren, weil sie totfis­ka­li­siert werden. Die Steu­er­quote und die Abga­ben­quote – die sind schlicht zu hoch.

Das frus­triert?

Absolut. Es macht keine Freude, mehr als 40 Prozent oder sogar 50 Prozent seines Brut­to­lohns abzugeben. Aber viel­leicht hätten die Menschen Verständnis, wenn alles im Land einwand­frei funk­tio­nieren würde, insbe­son­dere hervor­ra­gende Bildungs­ein­rich­tungen, exzel­lente Infra­s­truktur, effi­zi­ente, durch­di­gi­ta­li­sierte und bürger­freund­liche Verwal­tung sowie gut ausge­stat­tete Sicher­heits­be­hörden. Dann wäre man viel­leicht noch bereit, diese hohen Abgaben zu zahlen. Aber für das, was man hier zahlt, hat man diese Qualität nicht, und das kann schon die Arbeits­freude etwas verderben.

Erhe­bungen zeigen: Ohne Reformen könnten die Sozi­a­l­ab­gaben bis 2035 auf 50 Prozent steigen.

Das werden die Menschen nicht akzep­tieren. Und die Wirt­schaft auch nicht, denn dann geht die Wett­be­werbs­fä­hig­keit völlig verloren. Für Kran­ken­ver­si­che­rung, Pfle­ge­ver­si­che­rung, Renten­ver­si­che­rung, Arbeits­lo­sen­ver­si­che­rung, Unfall­ver­si­che­rung und die Grund­si­che­rung etc. geben wir heute schon jedes Jahr etwa 1,35 Billionen Euro aus. Wir brauchen Effizienz im System, und wir brauchen eine Stabi­li­sie­rung der Sozi­a­l­ver­si­che­rungs­bei­träge, und zwar dauerhaft. Wir müssen auf die 40 Prozent zurück.

Wie kann das funk­tio­nieren?

In der Wirt­schaft wird im Falle einer Krise alles auf den Prüfstand gestellt. Da wird jeder Stein umgedreht, um zu gucken, wie man Geld sparen kann. Es gibt ein großes Staunen in der Wirt­schaft darüber, dass das nicht beim Bund, den Ländern oder Kommunen passiert. Da wird erkennbar nicht gespart.

Bedeutet Sparen nicht geringere Sozi­al­leis­tungen?

Niemand hat Freude daran, Sozi­al­leis­tungen zu kürzen – darum geht es auch nicht. Es geht um mehr Effizienz. In der deutschen Sozi­a­l­ver­wal­tung arbeiten etwa 350.000 Menschen, 140.000 bei den Kran­ken­ver­si­che­rern, 115.000 bei der Bunde­s­agentur für Arbeit, die Unfall­ver­si­che­rungen haben 25.000 Mita­r­beiter, 70.000 in den Renten­ver­si­che­rungen. Es gibt kein einheit­li­ches IT-System. Kurz: Es herrscht ein undurch­sich­tiges Dickicht. Im Gesund­heits­wesen gibt es ebenfalls Inef­fi­zi­enzen, Über- und auch Unter­ver­sor­gung, zu wenig Trans­pa­renz, zu wenig Kosten­be­wusst­sein und zu wenig Eigen­ver­ant­wor­tung. Es gibt viele Stell­schrauben, an denen man drehen muss und kann. Da muss die Koalition jetzt ran.

Die schafft aber mit Tarift­reu­e­ge­setz, Liefer­ket­ten­ge­setz, Entgelt­trans­pa­renz eher neue Hürden.

Es fehlt eine syste­ma­ti­sche Heran­ge­hens­weise beim Büro­kra­tie­abbau. Wir sind in der Tier­seu­chen­be­kämp­fung syste­ma­ti­scher als beim Büro­kra­tie­abbau – und beides ist gefähr­lich. Und zur Wahrheit gehört auch: Wenn man Büro­kratie abbauen will, muss man natürlich auch Büro­kraten abbauen.

Wie viele?

Die Bundes­re­gie­rung hat verspro­chen, acht Prozent in den Minis­te­rien abzubauen. Diese Vorgabe fehlt aber beispiels­weise in der Sozi­a­l­ver­si­che­rung und in anderen Bereichen. Aber auch dort gibt es zu viel Personal. Seit 2015 haben Länder und Kommunen stark Personal aufge­baut– und sind jetzt dadurch auch finan­ziell extrem unter Druck.

Deutschland muss sich also refor­mie­ren– und auch die Rente mit 63 Jahren abschaffen?

Ich bin der Meinung, dass die Rente mit 63 ein Irrweg ist. Man nimmt damit früh­zeitig Menschen, die noch große Beiträge für die Wert­schöp­fung leisten können, aus dem Arbeits­markt. Gleich­zeitig führt man eine Aktivrente ein, damit derselbe, wenn er mit 63 in Rente geht, wieder arbeitet. Das passt doch nicht zusammen, und bei stei­gender Lebens­er­war­tung ist ein moderat späteres Renten­ein­tritts­alter ange­messen. Wenn die Leute immer älter werden, kann es auch ein höheres Renten­ein­tritts­alter geben.

Und längere Arbeits­zeiten? Die 42-Stunden-Woche?

Jede Arbeits­stunde, die gebraucht und indi­vi­duell geleistet wird, vor allem in Zeiten des demo­gra­fi­schen Wandels, ist natürlich hilfreich. Denn das bedeutet Wachstum. Und Wachstum und Arbeits­zeit hängen ganz eng mitein­ander zusammen.

Sie zeichnen ein düsteres Bild der wirt­schaft­li­chen Situation. Kein Wunder also, dass viele Deutsche frus­triert
sind – und deshalb AfD wählen?


Die Menschen kennen die Lage und erwarten Reformen, damit sich die Lage bessert. Die Koalition muss ganz schnell liefern.